Ablenkung
Stell dir vor, du sitzt beim Zahnarzt im Behandlungsstuhl. Nach längerer Wartezeit kommt der Zahnarzt endlich herein. Doch anstatt sich auf die Behandlung zu konzentrieren, hat er sein Handy in der Hand, schaut auf YouTube, trägt Kopfhörer, spricht mit seiner Frau und unterhält sich nebenbei noch mit der Zahnarzthelferin. Wie würdest du dich fühlen, wenn er dann mit dem Bohrer anfängt?
Ablenkung ist in einem solchen Moment etwas sehr Unangenehmes, weil sie gravierende Folgen haben kann.
Um Ablenkung geht es auch heute Morgen in unserem Bibeltext aus Nehemia, Kapitel 6. Die Predigt hat drei Punkte:
- Zunächst wollen wir die Angriffe auf Nehemia und seine Reaktion darauf verstehen.
- Dann wollen wir die daraus gewonnenen Prinzipien ganz praktisch auf unser Leben anwenden.
- Den dritten Punkt verrate ich euch noch nicht.
Die Angriffe auf Nehemia und seine Reaktion
In Nehemia Kapitel 6 geht der Wiederaufbau der Mauer und der Tore trotz Widerständen voran. Die Lücken in der Mauer sind geschlossen, nur die Tore müssen noch eingehängt werden. Dieser Fortschritt bleibt den Feinden natürlich nicht verborgen. Deshalb unternehmen sie mehrere Versuche, die Vollendung des Werkes und den Wiederaufbau Jerusalems zu verhindern.
In den vorangegangenen Kapiteln war das ganze Volk Ziel ihrer Angriffe. Jetzt steht Nehemia selbst im Fadenkreuz ihrer bösen Bemühungen. Wenn sie es schaffen würden, ihn zu stoppen, wären sie ihrem Ziel, den Wiederaufbau zu verhindern, einen großen Schritt näher.
Ihre Strategie besteht aus drei Teilen. Ich nenne sie die drei kleinen „a“ des Widersachers: ablenken, anschuldigen und anstiften. Diese drei Strategien wollen wir uns nun ansehen.
Ich lese Nehemia 6, Verse 1 bis 4:
Und es geschah, als Sanballat, Tobija und Geschem, der Araber, und unsere übrigen Feinde erfuhren, dass ich die Mauern gebaut hatte und dass keine Lücke mehr daran war — obwohl ich zu jener Zeit die Türflügel noch nicht in die Tore eingehängt hatte —, 2 da sandten Sanballat und Geschem zu mir und ließen mir sagen: Komm und lass uns in den Dörfern in der Ebene Ono zusammenkommen! Sie hatten aber im Sinn, mir Böses anzutun. 3 Da sandte ich Boten zu ihnen und ließ ihnen sagen: Ich habe ein großes Werk zu verrichten, darum kann ich nicht hinabkommen. Warum sollte das Werk stillstehen, wenn ich es ruhen lasse und zu euch hinabkomme? 4 Sie ließen mir aber viermal das Gleiche sagen, und ich gab ihnen die gleiche Antwort.
Soweit das Wort Gottes.
Die erste Strategie: Ablenken
Ich kann mir gut vorstellen, wie beschäftigt Nehemia in dieser Zeit gewesen sein muss. Vielleicht besprach er gerade mit den Bauleuten die nächsten Schritte zum Einhängen der Tore. Vielleicht ermutigte er das Volk, nach den anstrengenden Tagen weiterhin wachsam zu bleiben und die Verteidigung aufrechtzuerhalten.
Da kommen plötzlich Boten und überbringen ihm eine Einladung zu einer Konferenz in der Ebene Ono.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, das sei eine gute Gelegenheit. Wäre es nicht sinnvoll, mit Sanballat, Tobija und Geschem zu sprechen und vielleicht einen Friedensvertrag oder zumindest eine friedliche Koexistenz zu vereinbaren? Würde das nicht der Sache Gottes und dem Volk dienen? Vielleicht könnte dadurch sogar die Verteidigung etwas zurückgefahren werden, sodass das Volk Entlastung erfährt.
Sollte Nehemia eine solche Einladung also annehmen? Eine Absage wirkt doch zunächst sehr undiplomatisch.
Dabei liegt die Ebene Ono etwa vierzig Kilometer nordwestlich von Jerusalem. Schon die Reise hätte mehrere Tage in Anspruch genommen.
Wie reagiert Nehemia?
Er durchschaut ihre bösen Absichten.
Sie hatten aber im Sinn, mir Böses anzutun. (Nehemia 6,2b)
Deshalb schickt er seine Antwort durch eigene Boten zurück: „Nein, ich komme nicht. Ich habe Besseres zu tun. Ich tue hier ein großes Werk in Jerusalem. Dieses große Werk braucht meine ganze Aufmerksamkeit.“
Er bleibt dabei. Viermal erhält er dieselbe Einladung und viermal gibt er dieselbe Antwort.
Versetz dich einmal in die Lage dieser Boten. Sie reisen einen Tag, sprechen die Einladung aus, erhalten ein klares Nein und müssen denselben Weg erneut antreten – insgesamt viermal. Doch Nehemia bleibt bei seinem überzeugten Nein.
Weisheit und klare Prioritäten
Wir sehen bei Nehemia zwei wichtige Dinge.
Zum einen beweist er Weisheit. Er erkennt hinter der äußerlich neutralen Einladung die bösen Absichten.
Zum anderen lässt er sich nicht ablenken. Er widersteht der ersten Strategie der Feinde. Warum gelingt ihm das?
Nicht, weil er keine Lust auf die Reise hatte oder weil es vielleicht zu heiß war. Nein. Er wusste ganz genau, was das große Werk war, zu dem Gott ihn berufen hatte. Er kannte seine Nummer-eins-Aufgabe. Gerade deshalb konnte er jeden Versuch erkennen, ihn von diesem Werk abzulenken.
Seine höchste Priorität war der Wiederaufbau Jerusalems. Alles andere betrachtete er als Ablenkung.
Was wir daraus lernen können
Nun müssen wir uns fragen, was wir daraus lernen können.
Wenn wir den Ablenkungsversuchen des Widersachers widerstehen wollen, müssen wir zunächst seine bösen Absichten erkennen. Ihr Lieben, hinter Ablenkungen steht oft nichts Neutrales.
Wir haben vor Kurzem Epheser 6 betrachtet. Dort wird deutlich, dass wir einen Widersacher haben, den Teufel. Sein Ziel ist es, Gott, dem Volk Gottes und dem Herrn zu schaden. Er möchte unsere Aufmerksamkeit von der einen Aufgabe ablenken, die Gott uns gegeben hat.
Nehemia wusste genau, was sein großes Werk war. Deshalb müssen auch wir nicht nur die bösen Absichten hinter Ablenkungen erkennen, sondern zugleich wissen, was unser persönliches großes Werk ist, das Gott uns aufgetragen hat.
Was ist eigentlich Ablenkung? Eine mögliche Definition lautet: Aufmerksamkeit von etwas Wichtigerem auf etwas Unwichtigeres zu lenken. Man kann sich das wie ein Auto vorstellen, das auf ein bestimmtes Ziel zufährt. Jede Ablenkung versucht, dieses Auto vom geraden Weg auf das Ziel abzubringen.
Ablenkung im Alltag
Wie leicht lassen wir uns ablenken? Denken wir nur an digitale Ablenkung. Ich glaube, das betrifft uns alle mehr oder weniger.
Wie sieht ein gewöhnlicher Tag aus? Wie oft werden wir durch elektronische Geräte unterbrochen?
Arbeitswissenschaftler haben dazu Studien durchgeführt. Das fand ich sehr interessant, und wahrscheinlich bestätigt auch eure eigene Erfahrung diese Ergebnisse.
Wenn man mit einer Aufgabe beginnt, braucht man zunächst eine gewisse Zeit, bis man sich eingearbeitet hat und den Punkt erreicht, an dem man wirklich produktiv ist. Genau dann kommt eine Ablenkung: Das Telefon klingelt, eine E-Mail trifft ein oder irgendeine andere Unterbrechung. Sofort fällt der Fokus wieder ab.
Diese Wissenschaftler haben untersucht, wie lange es durchschnittlich dauert, bis man nach einer solchen Unterbrechung wieder den vorherigen Fokus erreicht. Laut ihrer Untersuchung sind das mindestens 23 Minuten.
Daran sieht man, wie gravierend die Folgen von Ablenkungen sein können.
Auch euch Jüngeren möchte ich sagen: Seid euch bewusst, dass hinter den Ablenkungsstrategien des Teufels – und sie sind inzwischen sehr ausgeklügelt – böse Absichten stehen.
Beginne jeden Tag mit der richtigen Frage
Deshalb möchte ich uns alle herausfordern, jeden neuen Tag mit einer Frage und einem Gebet zu beginnen:
„Vater im Himmel, zeig mir, was die wichtigste Aufgabe ist, die du mir heute gibst.“
Denn nur wenn wir das wissen, sind wir in der Lage, Ablenkungsversuche als solche zu erkennen.
Unser großes Werk
Aber was ist dein großes Werk? Was ist mein großes Werk?
Eine allgemeine Antwort finden wir in den Evangelien. Dort sagt Jesus:
Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes … (Matthäus 6,33)
Passt das nicht wunderbar zum Thema Nehemia? Am Reich Gottes zu bauen und zuerst nach dem Reich Gottes zu trachten, ist für uns alle – sofern wir Christen und Kinder Gottes sind – unsere höchste Priorität.
Wie das jedoch ganz konkret an deinem oder meinem Montag aussieht, wissen wir nicht. Deshalb sollten wir Gott fragen:
„Wie kann ich heute an deinem Reich mitbauen?“
Dazu passt auch die Schlussaussage aus 1. Korinther 7, nachdem Paulus über das Verheiratetsein und Nichtverheiratetsein gesprochen hat:
damit ihr ohne Ablenkung beständig beim Herrn bleiben könnt.
(1. Korinther 7,35b)
Deshalb lasst uns lernen, Nein zu sagen zu Ablenkungsversuchen, die uns davon abbringen wollen, ohne Ablenkung beständig beim Herrn zu bleiben.
Die zweite Strategie: Anschuldigungen
Damit kommen wir zur zweiten Strategie der Feinde. Wir lesen in Nehemia 6, die Verse 5–9:
Da ließ mir Sanballat zum fünften Mal das Gleiche durch seinen Diener sagen; der kam mit einem offenen Brief in der Hand, 6 darin stand geschrieben: »Unter den Völkern verlautet und Gasmu sagt, dass du mitsamt den Juden einen Aufstand vorhast; darum würdest du die Mauer bauen, und du wolltest ihr König sein, so sagt man. 7 Und du hättest dir auch Propheten bestellt, die von dir in Jerusalem ausrufen und sagen sollen: Er ist König von Juda! Nun wird der König diese Gerüchte hören; darum komm, wir wollen miteinander beraten!« 8 Ich aber sandte zu ihm und ließ ihm sagen: Nichts von dem, was du sagst, ist geschehen; aus deinem eigenen Herzen hast du es erdacht! 9 Denn sie alle wollten uns furchtsam machen und dachten: Ihre Hände werden schon ablassen von dem Werk, und es wird nicht vollendet werden! — Nun aber stärke du meine Hände!
Wir haben gesehen, dass die erste Strategie, das Ablenken, gescheitert ist. Doch der Feind lässt nicht nach. Mit der fünften Einladung zur Konferenz in Ono schickt Sanballat einen offenen Brief. Das Wesen eines offenen Briefes besteht gerade darin, dass er nicht verschlossen, sondern für alle sichtbar ist. Heute würde man so etwas wahrscheinlich einfach ins Internet stellen, damit jeder es lesen kann. Damals müssen wir uns vorstellen, dass der Bote den Auftrag hatte, den Inhalt dieses Briefes auf den Marktplätzen öffentlich vorzulesen.
Der Inhalt bestand aus verleumderischen Anschuldigungen. Es wurde behauptet, Nehemia plant eine Rebellion. Es waren Gerüchte und Unterstellungen böser Motive. Gleichzeitig enthielt der Brief eine unterschwellige Drohung: Diese Vorwürfe würden den persischen König erreichen, der damals für das ganze Gebiet verantwortlich war.
Jetzt wurde es persönlich. Nehemias Ruf sollte beschmutzt und dauerhaft beschädigt werden.
Wie reagiert Nehemia darauf? Fährt er eine PR-Kriesenkampagne? Veröffentlicht er eine Gegendarstellung mit glaubwürdigen Zeugen? Verteidigt er sein Ego und rechtfertigt sich selbst? Lässt er vielleicht sogar eine Homestory drehen, die ihn bei seiner fleißigen und unentgeltlichen Arbeit in Jerusalem zeigt? Viele Personen der Öffentlichkeit würden heute genau so handeln.
Aber was macht Nehemia? Er tut zwei Dinge:
- Er sendet eine kurze Antwort – und so wie es scheint, nur an Sanballat: „Dein offener Brief entspricht nicht der Wahrheit und ich durschaue deine lügnerischen Absichten.“
- Er betet. Vielleicht hast du es überlesen, aber am Ende von Vers 9 steht:.
Nun aber stärke du meine Hände! (Nehemia 6,9b)
Wieder ein Stoßgebet, wie wir es schon früher im Buch Nehemia gesehen haben: Mit diesem „Du“ ist niemand anderes gemeint als der Herr, der Gott des Himmels, mein Gott.
Mit diesem Gebet erkennt Nehemia an, dass seine eigene Kraft für die Herausforderungen des Wiederaufbaus und für all die Angriffe niemals ausreichen kann. Wie gut ist es, wenn auch wir das erkennen und annehmen. Unsere eigene Kraft ist niemals groß genug.
Gleichzeitig weiß Nehemia: Gottes Kraft ist unerschöpflich. Die gute und gütige Hand Gottes ist über ihm. Deshalb zeigt sich hier dieser Glaubensinstinkt, der ihn in diesem Moment zum Gebet führt.
Was wir daraus lernen können
Wenn wir im Werk Gottes arbeiten – und wir haben gesehen, dass wir alle an seinem Reich mitarbeiten sollen –, dann können solche verleumderischen Anschuldigungen kommen.
Was Gott uns durch Nehemia lehrt, ist, dass es in solchen Situationen nicht darum geht, uns selbst zu rechtfertigen. Vielmehr sollten wir solche Lügen schlicht als Lügen zurückweisen und uns anschließend auf unseren Gott stützen.
Vielleicht geht es dir wie mir. Dann fällt es dir schwer, ungerechte Anschuldigungen einfach stehen zu lassen. Vielleicht laufen in deinem Kopf Szenen ab, wie du alles richtigstellst, wie du dich selbst rechtfertigst oder deinen Ruf in der Öffentlichkeit wiederherstellst. Vielleicht kennst du solche Gedanken.
Dann lass uns mit diesen Gedanken im Gebet zu unserem Gott gehen und ihn um seine Kraft bitten. Im Buch Nehemia sehen wir, dass auch die zweite Strategie des Feindes, das Anschuldigen, scheitert.
Die dritte Strategie: Anstiften
Nun kommen wir zur dritten Strategie. Wir lesen Nehemia 6, die Verse 10–14:
Und ich kam in das Haus Schemajas, des Sohnes Delajas, des Sohnes Mehetabeels. Der hatte sich eingeschlossen und sprach: Wir wollen zusammenkommen im Haus Gottes, im Inneren des Tempels, und die Türflügel des Tempels schließen; denn sie werden kommen, um dich umzubringen, und zwar werden sie bei Nacht kommen, um dich umzubringen! 11 Ich aber sprach: Sollte ein Mann wie ich fliehen? Und wie könnte ein Mann wie ich in den Tempel gehen und am Leben bleiben? Ich werde nicht hineingehen! 12 Denn siehe, ich merkte wohl: Nicht Gott hatte ihn gesandt, sondern er sprach diese Weissagung über mich, weil Tobija und Sanballat ihn angeworben hatten; 13 und zwar war er zu dem Zweck angeworben worden, dass ich in Furcht geraten und dementsprechend handeln und mich versündigen sollte, damit sie meinen Namen verunglimpfen und mich verlästern könnten. 14 Gedenke, mein Gott, dem Tobija und dem Sanballat nach diesen ihren Werken, auch der Prophetin Noadja und den anderen Propheten, die mir Furcht einjagen wollten!
Ohne die Hintergründe näher zu erfahren, lesen wir, dass Nehemia Schemaja besucht. Er sagt ihm, dass ein Attentat bevorsteht. Die Botschaft ist also von höchster Dringlichkeit.
Ich musste dabei an ein Online-Training denken, das ich vor Kurzem zum Thema Phishing absolvieren musste. Dort wurde erklärt, dass Phishing der Versuch ist, Menschen durch Nachrichten oder E-Mails dazu zu bringen, Informationen preiszugeben oder auf einen Link zu klicken, über den Daten gestohlen oder Viren eingeschleust werden können.
Ein wichtiges Erkennungsmerkmal wurde dort besonders hervorgehoben: Es wird eine hohe Dringlichkeit erzeugt. Eine Frist wird gesetzt – etwa: „Wenn Sie bis heute Abend um 18 Uhr nicht reagieren, wird Ihr Konto gesperrt.“
Oh, ihr Lieben, diese Methoden des Teufels sind sehr alt. Genau das geschieht auch hier mit Nehemia. Ein Attentat soll noch in derselben Nacht stattfinden. Diese künstlich erzeugte Dringlichkeit soll verhindern, dass er gründlich darüber nachdenkt.
Schemaja will erreichen, dass Nehemia mit ihm in den Tempel geht und sich im Innersten des Tempels einschließt und sich vor den Attentätern versteckt. Vielleicht war der Tempel damals tatsächlich das sicherste Gebäude Jerusalems. Der Vorschlag klingt deshalb zunächst schlüssig.
Wir haben gelesen, dass Schemaja dies in Form einer Weissagung ausspricht, als hätte Gott es selbst zu Nehemia gesprochen. Wie reagiert Nehemia? Er gibt zwei Antworten:
Sollte ein Mann wie ich fliehen? (Nehemia 6,11)
Das klingt zunächst beinahe etwas stolz. Doch der zweite Teil der Antwort ist genau das Gegenteil:
Und wie könnte ein Mann wie ich in den Tempel gehen und am Leben bleiben? (Nehemia 6,11)
Im ersten Teil wird deutlich, dass sich Nehemia sicher ist, dass die Hand Gottes über ihm ist. Dass er wusste, dass der Herr, sein Gott, seine Zuflucht war und nicht ein aus Steinen gemauertes Haus.
Der zweite Teil zeigt etwas anderes: Nehemia besitzt ein schriftgegründetes Unterscheidungsvermögen. Nehemia gehört nicht zu einem priesterlichen Geschlecht. Deshalb gilt er als Unbefugter und Fremder und hat kein Zutrittsrecht für das Heiligtum des Tempels des großen Gottes. Mose hatte Aaron erklärt:
Du aber und deine Söhne mit dir, ihr sollt euren Priesterdienst ausüben in allem, was am Altar zu tun ist, und innerhalb des Vorhangs, und so den Dienst tun; denn als Gabe gebe ich euch den Dienst eures Priestertums. Wenn aber ein Fremder herzunaht, so muss er getötet werden. (4. Mose 18,7)
Hier erkennen wir zweierlei: Zum einen vertraut Nehemia Gott und weiß, dass er unter seinem Schutz steht. Zum anderen kennt er das Wort Gottes und seine Gebote. Er kennt diesen Vers und erinnert sich auch an Korah und seine Rotte sowie an König Usija, der wie ein Priester Opfer darbringen wollte und deshalb von Gott mit Aussatz geschlagen wurde.
Durch Gottvertrauen und Schriftkenntnis entging er dieser Todesfalle.
Was wir daraus lernen können
Auch wir müssen wissen, dass die gute Hand Gottes über uns ist und dass er unsere Zuflucht ist. Darf ich dich fragen: Vertraust du dem großen Gott? Oder bestimmt Menschenfurcht, wie du in vergleichbaren Situationen entscheidest und handelst?
Außerdem müssen wir die Bibel kennen. Wir müssen das Wort Gottes kennen. Wir müssen wissen, was Gott gut nennt und was in seinen Augen Sünde ist, damit wir nicht verführt werden.
Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind! Denn es sind viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen.
(1. Johannes 4,1)
Und ich denke, wir wissen alle, dass sehr viele dieser falschen Propheten auf Youtube zu finden sind. Niemals zuvor hatten Menschen so einfachen, so massiven und so vielfältigen Zugang zu falschen Propheten wie heute. Wenn wir darüber nachdenken, könnten wir Angst bekommen und fragen: Was kann uns bewahren?
Die Antwort lernen wir von Nehemia: Bibelkenntnis.
Ihr Lieben, wir müssen mehr die Bibel lesen. Wir müssen mehr die Bibel studieren. Wir müssen die Bibel besser kennen, damit wir solche Versuche, uns zur Sünde zu verführen, erkennen und abwehren können.
Ein Kinderlied bringt das treffend zum Ausdruck: „Lies die Bibel. Bet jeden Tag.“
Genau das finden wir dann auch im Folgenden bei Nehemia. Er betet:
Gedenke, mein Gott, dem Tobija und dem Sanballat nach diesen ihren Werken, auch der Prophetin Noadja und den anderen Propheten, die mir Furcht einjagen wollten! (Nehemia 6,15)
Warum ist dieses Gebet wichtig? Nehemia übergibt diese Feinde dem Urteil und Gericht Gottes, damit sein Herz rein bleibt.
Auch wir müssen lernen, das Urteil und das Gericht Gott zu überlassen, damit unser Herz frei bleibt von Wut, Zorn und Bitterkeit.
Der Erfolg kommt von Gott
Wir kommen zu den Versen 15 bis 16:
Und die Mauer wurde fertig am 25. Tag des Monats Elul, in 52 Tagen. Und es geschah, als alle unsere Feinde dies hörten und alle Heiden rings um uns her dies sahen, da entfiel ihnen aller Mut; denn sie erkannten, dass dieses Werk von unserem Gott getan worden war.
Die drei Strategien des Feindes – Ablenkung, Anschuldigung und Anstiftung zur Sünde – scheitern. Die Mauer, das Werk, wird im Oktober 445 vor Christus fertiggestellt. Selbst die Feinde müssen anerkennen, dass dies der Sieg Gottes für sein Volk ist.
Dieses Projekt war von Anfang bis Ende von Widerständen begleitet. Gerade deshalb ist seine Vollendung ein Beweis für die gute Hand Gottes über seinem Volk.
Ein andauernder Komplott
Doch geben sich die Feinde damit geschlagen? Nein! Wir finden einen andauernden Komplott:
Auch ließen zu jener Zeit die Vornehmsten in Juda viele Briefe an Tobija abgehen, und auch von Tobija gelangten solche zu ihnen. 18 Denn es waren viele in Juda, die mit ihm verschworen waren, weil er der Schwiegersohn Schechanjas, des Sohnes Arachs, war und sein Sohn Johanan die Tochter Meschullams, des Sohnes Berechjas, zur Frau genommen hatte. 19 Sie redeten auch von seinen guten Werken vor mir und hinterbrachten ihm meine Worte; und Tobija sandte Briefe, um mir Furcht einzujagen. (Nehemia 6,17-19)
Dieses Muster setzt sich fort. Wieder sind es die Vornehmen, die unangenehm auffallen. Bereits in Kapitel 3 haben wir gelesen, dass sie sich beim Mauerbau vornehm zurückgehalten haben:
Neben ihnen besserten die Leute von Tekoa aus; aber die Vornehmen unter ihnen beugten ihre Nacken nicht zum Dienst für ihren Herrn. (Nehemia 3,5)
Jetzt verschwören sie sich mit Tobija, einem der Hauptwidersacher des Wiederaufbaus. Sie betreiben das, was wir heute wohl unverschämte Lobbyarbeit nennen würden. Vor Nehemia sprechen sie von den guten Absichten Tobijas. Hinter Nehemias Rücken jedoch verraten sie Tobija alles, was Nehemia sagt. Wir lesen hier, dass diese Briefe und damit auch alle Ablenkungsversuche unaufhörlich weitergingen.
Reicht es, einfach wie Nehemia zu sein?
In dieser Predigt haben wir bisher zwei Dinge getan. Wir haben uns angesehen, wie Nehemia auf die Strategien des Feindes reagierte, und daraus Prinzipien für unser eigenes Leben abgeleitet.
Aber dürfen wir das einfach so tun? Ist die Botschaft von Nehemia Kapitel 6 wirklich nur: „Sei so gut wie Nehemia, dann klappt es auch mit dem Bau am Reich Gottes“?
Jetzt komme ich zum dritten Punkt der Predigt.
Vielleicht schockiert euch folgende Aussage: Die Predigt bis hierher war keine christliche Predigt. Ich wiederhole das bewusst: Bis zu diesem Moment war sie keine christliche Predigt.
Warum? Weil sie bisher ohne Christus auskam. Sie kam ohne Christus, ohne das Evangelium und ohne den großen Heilsplan Gottes aus. Eine solche Predigt könnte auch ein jüdischer Rabbiner halten, der Jesus Christus als Messias völlig ablehnt.
Wie können wir diesen Text also richtig verstehen und richtig anwenden? Ich möchte die letzten Minuten nutzen, euch eine Vorstellung davon zu geben, wie wir das tun sollten.
Nehemia weist auf Christus hin
Als Jesus nach seiner Auferstehung mit den Emmausjüngern unterwegs war, lesen wir:
Und er begann bei Mose und bei allen Propheten und legte ihnen in allen Schriften aus, was sich auf ihn bezieht. (Lukas 24,27)
Dazu gehört auch das Buch Nehemia. Jesus gab ihnen keine Lektion über gute Leiterschaft nach dem Vorbild Nehemias. Nein, Jesus hatte die Absicht, ihnen zu zeigen, dass die ganze alttestamentliche Schrift – alle Geschichten, alle Gesetze und alle Prophetien – auf ihn, auf Jesus Christus, hinweist.
Nehemia ist deshalb in erster Linie ein Vorbild, ein Vorschatten auf unseren Herrn Jesus Christus, den wahren Messias aus dem Volk der Juden. Sowohl in seinen Stärken als auch in dem, was er nicht vollbringen konnte, weist Nehemia auf Christus hin.
Lasst uns einmal genau hinschauen, was das Ergebnis von Nehemias Arbeit war:
Jerusalem war zwar wieder aufgebaut, doch es besaß nur noch einen Bruchteil seiner früheren Größe und nichts mehr von seiner ursprünglichen Strahlkraft. Der wiederaufgebaute Tempel hatte nichts mehr von der Pracht vergangener Tage. Die Herrlichkeit Gottes war in diesem Tempel nicht mehr gegenwärtig.
Das Volk bestand nur noch aus einem kleinen Überrest. Es war von Feinden bedroht und unvollkommen in seiner Absonderung und Heiligung. Das werden wir besonders am Ende des Buches, in Kapitel 13, sehen.
Auch wenn Nehemia einen vorbildlichen Charakter zeigte, lehrt Gott uns vor allem eines: Es braucht jemanden, der größer ist als Nehemia, damit eines Tages ein geheiligtes Volk mitten in einer heiligen Stadt den heiligen Gott in Herrlichkeit und Ewigkeit anbeten kann.
Nehemia ist deshalb ein Wegweiser auf unseren Herrn Jesus Christus. Solange wir diese Kapitel nicht in dieser Weise lesen, gehen wir an dem vorbei, was Gott uns damit lehren möchte.
Der wahre Sieger ist Jesus Christus
Fast 500 Jahre nach Nehemia sehen wir Jesus Christus. Auch er sagte Nein zu allen Ablenkungsversuchen des Teufels, weil er ein wahrhaft großes Werk zu vollbringen hatte. Er rechtfertigte sich nicht selbst, sondern wurde für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit in ihm werden können.
Er ließ sich nicht zur Sünde anstiften. Er war ohne Sünde; Sünde war nicht in ihm. Und dennoch trug er am Kreuz meine Schuld, deine Schuld und unsere Schuld und starb für uns. Dort rief er siegreich aus:
Es ist vollbracht. (Johannes 19,30)
Hier in Nehemia war die Mauer fertig. Wir können darüber staunen, dass dies in 52 Tagen geschah. Aber was unser Herr vollbrachte, übertrifft alles. Er hat die Gemeinde gebaut und baut weiter an ihr. Er baut schützende Mauern um seine Gemeinde. Er setzt Tore ein, damit das hineinkommt, was hineingehört, und das hinausgeht, was hinausgehört.
Es geht um ihn. Auch hier in der Calvary Chapel Heidelberg geht es um Christus – und um Christus allein.
Hoffnung durch Christus
Heißt das nun, dass wir den ersten Teil der Predigt vergessen können? Nein.
Aber es ist nicht Nehemia, der uns lehrt, Ablenkung, Anschuldigungen und Anstiftung zur Sünde zu widerstehen. Es ist jemand Größeres, der uns all das lehrt: Jesus Christus, unser Herr und Heiland.
Weil wir genau einen solchen Anführer haben, unseren Herrn und Heiland Jesus Christus, dürfen wir Hoffnung haben. Wir dürfen Mut fassen. In seiner Kraft können wir jeder Ablenkung, jeder Anschuldigung und jeder Anstiftung zur Sünde widerstehen und an seinem Reich mitbauen, bis er wiederkommt.

