Gottes Stimme hören

Wenn ich morgens aufwache, dauert es oft keine drei Minuten, bis die ersten Stimmen auf mich einprasseln. Nachrichten, WhatsApp, E-Mails oder irgendwelche Schlagzeilen wollen sofort meine Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich geht es dir ganz ähnlich. Auf dem Weg zur Arbeit läuft im Auto das Radio, am Arbeitsplatz sprechen Kollegen mit dir über die unterschiedlichsten Dinge. Versteh mich nicht falsch: Kommunikation ist wichtig. Doch wenn schließlich niemand mehr mit uns spricht, meldet sich oft noch die lauteste Stimme überhaupt – unsere eigenen Gedanken.

In der Vorbereitung auf diese Predigt habe ich mir deshalb selbst eine Frage gestellt, und dieselbe Frage möchte ich auch dir stellen: Wann hast du zuletzt ganz bewusst die für uns wichtigste Stimme gehört – nämlich Gottes Stimme? Ich meine damit nicht, dass wir irgendwo einen Bibelvers auf einer Kaffeetasse gelesen oder unseren täglichen Bibelleseplan einfach nur abgehakt haben. Ich meine ein Hören, das Gottes Wort wirklich an uns heranlässt – so, dass es unser Denken verändert, unser Herz bewegt und unser Leben prägt.

Der eigentliche Wiederaufbau beginnt

Wir lesen das gesamte Kapitel Nehemia 8.

Bis zu diesem Punkt ist im Buch Nehemia bereits viel geschehen. Die Mauern Jerusalems waren zerstört gewesen. Nehemia leitete unter Spott, Widerstand und Bedrohung den Wiederaufbau. Und in nur 52 Tagen wurde die Mauer fertiggestellt – ein Wunder Gottes.

Jetzt könnte man meinen: Endlich ist alles geschafft. Jetzt können wir uns zurücklehnen. Doch wie so oft war das nicht das eigentliche Ziel, das Gott verfolgte. Eine Stadt mit einer guten und vernünftigen Mauer, aber ohne Gott bleibt Jerusalem geistlich eine Ruine. Ein schönes Gemeindehaus mit wunderbar klimatisierten Räumen, aber ohne eine lebendige Beziehung zu Christus, bleibt nur ein Gebäude. Und ein Christ, der äußerlich funktioniert, innerlich aber nicht mehr auf Gottes Stimme hört, wird irgendwann geistlich austrocknen.

Der erste Punkt der Predigt lautet:

Wenn Gottes Wort wieder die Mitte wird

Nehemia 8 ist die Fortsetzung des Bauens. Diesmal werden allerdings keine Steine gebaut, sondern Herzen. Und wir sehen, wie alles beginnt: mit Gottes Wort. Ich finde es bemerkenswert, dass nicht Esra das Volk zusammengerufen hat. Vielmehr bittet das Volk selbst: „Bring das Gesetz zu uns.“ Im ersten Vers heißt es:

Und sie sprachen zu Esra, dem Schriftgelehrten, dass er das Buch des Gesetzes Moses holen solle, das der HERR Israel geboten hatte (Nehemia 8,1)

Das ist außergewöhnlich. Normalerweise kennen wir es so, dass die Propheten dem Volk hinterherlaufen. Ein solches Vorlesen des Gesetzes war üblicherweise alle sieben Jahre beim Laubhüttenfest vorgesehen:

Nach Verlauf von sieben Jahren, zur Zeit des Erlassjahres, am Fest der Laubhütten […] sollst du dieses Gesetz vor ganz Israel lesen, vor ihren Ohren. (5. Mose 31,10)

Durch die babylonische Gefangenschaft war das jedoch über längere Zeit versäumt worden. Hier sehen wir nun das Volk Gottes, das dem Wort Gottes entgegenläuft. Ich bin überzeugt, dass Gott selbst bereits durch das, was bis dahin geschehen war, an ihren Herzen gearbeitet hatte. Dieser Hunger nach Gottes Wort ist etwas, das Gott in uns hineingelegt hat.

Nach meiner Überzeugung verändert Gott Menschen nicht zuerst durch Gefühle. Viel öfter verändert er sie durch seine Wahrheit. Genau das betete auch Jesus:

Heilige sie in deiner Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit. (Johannes 17,17)

Die Ehrfurcht vor Gottes Wort

Und Esra, der Priester, brachte das Gesetz vor die Gemeinde, vor die Männer und Frauen und alle, die Verständnis hatten, um zuzuhören, am ersten Tag des siebten Monats. (Nehemia 8,2)

Stell dir diese Szene einmal bildlich vor. Der Platz vor dem Wassertor ist voller Menschen: Männer, Frauen und Kinder – jeder, der alt genug war, um das Wort zu verstehen.

Niemand musste überredet werden zu kommen. Niemand versprach Kaffee nach dem Gottesdienst. Niemand kündigte einen berühmten Prediger an. Die Menschen waren da, weil sie Gottes Wort hören wollten.

Wenn heute eine Predigt länger als 35 Minuten dauert, schauen manche schon unauffällig auf die Uhr. Hier war das anders:

Und er las daraus vor auf dem Platz, der vor dem Wassertor ist, vom hellen Morgen bis zum Mittag, vor den Männern und Frauen und allen, die es verstehen konnten; (Nehemia 8,3a)

Das bedeutet: Fast sechs Stunden lang hörten sie das Wort Gottes. Ich vermute, sie hatten keine klimatisierten Räume wie wir. Sechs Stunden Bibellesung – ohne PowerPoint, ohne eine Band, die zwischendurch Musik spielt.

Doch das Entscheidende ist nicht die Länge. Entscheidend ist, wie das Volk darauf reagiert:

und die Ohren des ganzen Volkes waren auf das Buch des Gesetzes gerichtet. (Nehemia 8,3b)

Die hebräische Denkweise verbindet das Hören sehr eng mit dem Gehorsam. Hören bedeutet nicht einfach, Informationen aufzunehmen. Es bedeutet, dass ich mich davon verändern lasse. Ich lasse Gottes Wort an mich wirken. Ich öffne ihm mein Herz.

Denke an einen Vater, der seinem Sohn sagt: „Räum bitte dein Zimmer auf.“ Der Sohn antwortet: „Ja, ich habe es gehört.“ Zwei Stunden später sieht das Zimmer immer noch genauso aus, wenn nicht sogar schlimmer. Natürlich hat der Sohn die Worte akustisch wahrgenommen. Aber im biblischen Sinn hat er nicht gehört.

Genauso möchte Gottes Wort nicht nur meinen Kopf oder meine Ohren erreichen. Es möchte mein Herz verändern.

Das Wort Gottes gehört in die Mitte

Esra aber, der Schriftgelehrte, stand auf einer hölzernen Kanzel, die man zu diesem Zweck errichtet hatte (Nehemia 8,4)

Esra ließ für die Lesung eine Holzplattform errichten. Warum? Vermutlich wollte er sicherstellen, dass jeder Zugang zu Gottes Wort hatte. Dadurch stand das Wort Gottes auch sichtbar im Mittelpunkt: Es wurde erhöht, und das Volk versammelte sich drumherum.

Ich frage mich manchmal, wie wir das heute praktizieren. In unserer schnelllebigen und kommunikativen Welt wird viel über beeindruckende Prediger gesprochen. Man spricht über ihre Persönlichkeit, ihren Charakter, ihren Stil, ihre Rhetorik oder ihren Humor.

Doch was ist wirklich wichtig? Der Prediger ist niemals die Hauptperson. In jedem Gottesdienst ist die Hauptfigur das Wort Gottes – und das fleischgewordene Wort: Jesus Christus.

Ich stelle mir das so vor: Ein guter Prediger ist wie ein gut gebautes und sauber geputztes Fenster. Niemand bleibt vor dem Fenster stehen, um das Fenster selbst zu bewundern. Es mag handwerklich hervorragend gemacht sein, aber sein eigentlicher Zweck besteht darin, hindurchzuschauen.

Wenn die Menschen nach einer Predigt sagen: „Was für ein großartiger Prediger!“, dann ist das Ziel wahrscheinlich verfehlt. Wenn sie dagegen sagen: „Was für ein guter Gott!“, dann hat die Predigt ihr Ziel erreicht.

Ehrfurcht vor Gottes Wort

Und Esra öffnete das Buch vor den Augen des ganzen Volkes; denn er stand höher als das ganze Volk. Und als er es öffnete, stand das ganze Volk auf. (Nehemia 8,5)

Das Volk stand auf, nicht weil jemand sagte: „Bitte erhebt euch“, sondern vermutlich aus Ehrfurcht. Sie wussten: Jetzt spricht Gott.

Mich bewegt diese Szene, denn Ehrfurcht ist heute in unserer Kultur fast zu einem Fremdwort geworden. Wir sprechen sehr oft über Gottes Nähe, und das dürfen wir auch. Wir sprechen davon, dass Jesus unser Freund ist, und das ist wahr. Aber manchmal vergessen wir, dass dieser Freund zugleich der heilige König aller Könige ist.

Dient dem HERRN mit Furcht und frohlockt mit Zittern (Psalm 2,11)

Ehrfurcht und Liebe schließen sich keineswegs aus. Sie gehören vielmehr zusammen.

Die richtige Haltung gegenüber Gottes Wort

Dann antwortet auch das Volk:

Und das ganze Volk antwortete mit aufgehobenen Händen: Amen! Amen! (Nehemia 8,6)

Sie sagen zweimal Amen. Das bedeutet so viel wie: “So ist es. Dem Gehörten stimmen wir zu.”

Damit hören sie nicht als Richter über Gottes Wort, sondern als Menschen, die sich von Gottes Wort richten oder aufrichten lassen. Eine solche Einstellung ist besonders wichtig. Unsere Kultur fragt oft: Passt Gottes Wort zu meiner heutigen Meinung? Doch die Bibel stellt uns vielmehr die Frage: Passt meine Meinung zu Gottes Wort?

Deshalb möchte ich dich persönlich fragen: Mit welcher Haltung kommst du Sonntag für Sonntag in den Gottesdienst? Kommst du zu einer christlichen Veranstaltung und sitzt als Konsument da? Denkst du: Mal sehen, ob mir die Predigt heute gefällt? Oder kommst du mit der Haltung wie sie der junge Samuel hatte:

Und Samuel sprach: Rede, denn dein Knecht hört! (1. Samuel 3,10)

Vielleicht wäre es auch für uns ein gutes Gebet für jeden Sonntagmorgen. Wenn Gott durch sein Wort zu uns spricht, wenn man es hört und versteht, dann passiert etwas, womit du vielleicht gar nicht rechnest. In Nehemia 8 lesen wir:

das ganze Volk weinte, als es die Worte des Gesetzes hörte. (Nehemia 8,9)

Damit kommen wir zum zweiten Punkt:

Wenn Gottes Wort unser Herz trifft, beginnt es zu wirken 

Das sollte das Ziel jeder Predigt sein: Dass du heute nach Hause gehst und sagen kannst: Gott hat heute zu mir gesprochen.

Und sie lasen aus dem Buch des Gesetzes Gottes deutlich vor und erklärten den Sinn, sodass man das Gelesene verstand. (Nehemia 8,8)

Das ist auch das Ziel von unseren Predigten in der Calvary Chapel. Hier hat Esra vorgelesen und die Leviten erklärten den Text. Denn Gottes Wort wurde uns nicht gegeben, um geheimnisvoll zu bleiben. Es soll verstanden und angenommen werden.

Darum gibt es in der Gemeinde Hirten und Lehrer. Nicht, damit wir neue Ideen entwickeln oder Projekte leiten. Wir sind keine Entertainer oder Motivationscoaches. Unsere Aufgabe ist es, die Bibel aufzuschließen und dadurch zu helfen, Gott zu erkennen. Jede Predigt soll die Stimme Gottes durch den biblischen Text hörbar und erlebbar machen.

Gottes Wort deckt auf, um zu heilen

Ich habe mich gefragt, warum das Volk geweint hat. War die Predigt besonders emotional? Hat Esra besonders bewegend gelesen? Ich weiß nicht, wie er gelesen hat.

das ganze Volk weinte, als es die Worte des Gesetzes hörte. (Nehemia 8,9)

Sie weinten wegen des Inhalts des Textes. Zum ersten Mal seit langer Zeit erkannten sie, wie weit sie sich von Gott entfernt hatten. Plötzlich sahen sie sich selbst im Licht der Heiligkeit Gottes.

Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam […] und es ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens. (Hebräer 4,12)

Vielleicht kennst du das. Du liest einen Bibeltext, den du schon zehn- oder zwanzigmal gelesen hast, und plötzlich hast du das Gefühl: Woher weiß dieser Vers, was gerade in meinem Herzen oder in meinem Leben vor sich geht?

Die Antwort ist einfach: Weil der Autor der Bibel zugleich der Schöpfer deines Herzens ist.

Gottes Wort legt frei. Es deckt auf – nicht, um uns zu zerstören, sondern um uns zu heilen.

Ein guter Arzt würde dir niemals eine Krankheit verschweigen, ganz gleich, wie schwer sie ist. Auch wenn die Diagnose schmerzt, wird er sie dir sagen. Er tut das, weil Handeln erforderlich ist und Heilung das Ziel ist.

Genauso handelt Gott. Sein Wort zeigt uns unsere Sünde nicht, damit wir in Verzweiflung leben, sondern damit wir zu seiner Gnade fliehen dürfen.

Das Gesetz ist wie ein Spiegel. Ein Spiegel wäscht niemanden sauber. Er zeigt unseren Schmutz oder auch unsere Schönheit. Aber retten kann uns der Spiegel, das Gesetz, nicht. Dafür brauchen wir das Kreuz und Jesus Christus.

Die Begegnung mit Gottes Heiligkeit

Als das Volk das hörte und erkannte, weinte es:

das ganze Volk weinte, als es die Worte des Gesetzes hörte. (Nehemia 8,9)

Denn wer Gottes Heiligkeit erkennt und zugleich seine eigene Sünde sieht, bleibt nicht gleichgültig. Jesaja rief:

Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen… (Jesaja 6,5)

Auch Petrus reagierte so, als er die Herrlichkeit Jesu erkannte:

Als aber Simon Petrus das sah, fiel er zu den Knien Jesu nieder und sprach: Herr, gehe von mir hinweg, denn ich bin ein sündiger Mensch! (Lukas 5,8)

Je näher ein Mensch zu Gott kommt, desto kleiner denkt er von sich selbst.

Heiligkeit und Freude gehören zusammen

Jetzt passiert etwas Überraschendes:

Und Nehemia — das ist der Statthalter — und Esra, der Priester, der Schriftgelehrte, und die Leviten, die das Volk lehrten, sprachen zu dem ganzen Volk: Dieser Tag ist dem HERRN, eurem Gott, heilig! Darum seid nicht traurig und weint nicht! (Nehemia 8,9)

Hier heißt es “seid nicht traurig”. Vielleicht fragst du dich: Sollten die Menschen nicht wirklich über ihre Sünde traurig sein? Doch, das sollten sie. Aber sie sollten nicht an diesem Punkt stehen bleiben. Denn dieser Tag war ein heiliger Festtag zur Ehre Gottes und zur Feier seiner Befreiung. Es ging nicht darum, in der Schuld stecken zu bleiben, sondern Gottes Gnade zu feiern.

Geht hin, esst Fettes und trinkt Süßes und sendet Teile davon auch denen, die nichts für sich zubereitet haben; denn dieser Tag ist unserem Herrn heilig; (Nehemia 8,10a)

Bei den Worten „esst Fettes und trinkt Süßes“ würde wohl mancher Ernährungsberater die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Man könnte den Vers auch so zusammenfassen: Geht feiern! Für manche Christen klingt die Verbindung von Feiern und Heiligkeit ungewohnt. Manchmal entsteht der Eindruck, Heiligkeit und Freude seien Gegensätze – als müsse ein besonders frommer Christ zwangsläufig auch ein besonders ernster Christ sein. Doch hier begegnet uns ein ganz anderes Bild. Der heilige Gott, von dem ich gesprochen habe, ist zugleich der Gott der Freude.

Versteh mich nicht falsch: Es geht nicht um eine oberflächliche Partystimmung, sondern um eine tiefe Freude, die aus der Versöhnung mit Gott entsteht.

Die Freude des Herrn ist eure Stärke

Dann begegnet uns dieser bekannte Satz, der oft aus dem Zusammenhang gerissen wird und sogar auf christlichen Kaffeetassen zu finden ist:

seid nicht bekümmert, denn die Freude am HERRN ist eure Stärke! (Nehemia 8,10b)

Was bedeutet das eigentlich? Manche verstehen darunter: „Wenn ich mich nur genug über Gott freue, werde ich stark.“ Doch das ist nicht der Schwerpunkt dieses Textes. Im Hebräischen kann der Satz ebenso bedeuten: Die Freude, die der Herr an seinem Volk hat, ist ihre Stärke.

Das bedeutet: Nicht meine schwankende Freude trägt mich, sondern Gottes unveränderliche Freude an seinen erlösten Kindern.

Die Bibel fordert uns immer wieder zur Freude auf. Doch die Grundlage dieser Freude ist Gottes Treue und seine Nähe zu uns.

Das Evangelium zeigt sich im verlorenen Sohn

Denke einmal an den verlorenen Sohn. Nachdem der Sohn zurückkehrt, wer freut sich am meisten? Der Vater. Er umarmt ihn und veranstaltet ein großes Fest.

Der Sohn bringt nur seine Schuld und seine Buße. Der Vater aber kommt mit seiner Freude.

Ist das nicht genau das Evangelium? Wir bringen unsere Sünde, und Christus kommt mit seiner Gnade. Wir bringen leere Hände, und er schenkt volles Leben. Du kannst dein Versagen bringen, und er schenkt dir seine Gerechtigkeit.

Deshalb endet echte Buße niemals in Hoffnungslosigkeit. Sie endet am Kreuz. Dort wird beides sichtbar: wie ernst Gott die Sünde nimmt und wie groß seine Liebe zu seinem Volk, zu seinen Kindern ist.

Sünde und Gnade gehören zusammen

Es gibt Christen, die oft beim ersten Teil stehen bleiben. Sie sehen ihre Schuld, und das ist wichtig. Aber sie wagen es kaum, sich über Gottes Gnade zu freuen.

Andere überspringen Schuld und Buße und sprechen nur noch von Freude und Liebe.

Doch das Evangelium macht deutlich: Die Bibel zeigt zuerst die Ernsthaftigkeit der Sünde und danach die Größe der Gnade. Beides gehört untrennbar zusammen.

Darum durften die Menschen nach Hause gehen, fette Speisen und Süßes essen und feiern, weil Gottes Gnade da ist.

Verstandene Wahrheit verändert unser Leben

Verstandene Wahrheit verändert uns Menschen.

Wir brauchen heute als Gemeinde nicht in erster Linie spektakuläre Programme oder Veranstaltungen. Wir brauchen eine offene Bibel und Lehre, die Christus groß macht. Wir brauchen Hauskreise, in denen Gottes Wort gemeinsam entdeckt, erforscht wird. Wir brauchen Familien, in denen Kinder erleben, dass die Bibel nicht nur am Sonntag aufgeschlagen wird. Und wir brauchen Geschwister, die nicht fragen: „Was muss ich tun?“, sondern: „Was hat Christus bereits für mich getan?“

Daraus wächst Freude. Und diese Freude trägt – nicht weil unsere Umstände immer gut sind, sondern weil unser Gott und Retter derselbe bleibt, unabhängig von deinen Umständen.

Eine persönliche Frage

Darf ich dich jetzt noch mal fragen: Wann hat Gottes Wort dich zuletzt so getroffen, dass du etwas in deinem Leben verändert hast? Ich meine nicht nur einen interessanten Gedanken oder einen markanten Bibelvers, sondern eine echte Entscheidung, eine Versöhnung oder ein Bekenntnis.

Ein Herz, das von Gottes Gnade berührt wurde, kann nicht unverändert bleiben. Der dritte Punkt aus Nehemia 8 lautet:

Wenn Gottes Wort das Leben wirklich verändert

Und am zweiten Tag versammelten sich die Familienhäupter des ganzen Volkes, die Priester und die Leviten zu Esra, dem Schriftgelehrten, damit er sie in den Worten des Gesetzes unterrichte. (Nehemia 8,13)

Warum kamen sie zusammen? Weil das Wort Gottes gewirkt hat und weil es gut war. Sie wollten mehr hören. Sie sagten nicht: „Das war eine gute Predigt am ersten Tag. Jetzt reicht es erst einmal für die nächsten Tage oder Wochen.“ Sie kamen zurück, weil sie erkannt hatten, dass Gottes Wort keine einmalige Mahlzeit ist, sondern tägliches Brot.

Und sie fanden im Gesetz, das der HERR durch Mose geboten hatte, geschrieben, dass die Kinder Israels am Fest im siebten Monat in Laubhütten wohnen sollten. (Nehemia 8,14)

Dieses Laubhüttenfest hatten sie seit Generationen kaum noch richtig gefeiert. Einmal im Jahr sollten die Israeliten für sieben Tage in einfachen Hütten wohnen, damit sie nicht vergaßen, woher Gott sie herausgeführt hatte. Sie sollten sich daran erinnern: Ich war einmal obdachlos in der Wüste, und alles, was ich heute habe, verdanke ich Gottes Treue.

Und so ließen sie es verkünden und in allen ihren Städten und in Jerusalem ausrufen und sagen: Geht hinaus auf die Berge und holt Ölzweige, Zweige vom wilden Ölbaum, Myrtenzweige, Palmzweige und Zweige von dicht belaubten Bäumen, um Laubhütten zu machen, wie es geschrieben steht! (Nehemia 8,15)

Sie kamen zurück und fügten sich diesem Gebot. Sie diskutierten nicht darüber. Sie gründeten keinen Arbeitskreis, um es umzusetzen. Sie verfassten keine Stellungnahme. Sie gehorchten einfach Gottes Plan.

Für mich ist es erstaunlich, wie schlicht das Volk reagiert: Sie hören, sie verstehen, sie gehorchen – und Gott schenkt Freude. Jakobus ist es, der schreibt:

Seid aber Täter des Wortes und nicht bloß Hörer, die sich selbst betrügen. (Jakobus 1,22)

Oft leben wir genau andersherum. Wir wollen zuerst verstehen, warum Gott etwas sagt. Dann möchten wir wissen, ob es zu unserer aktuellen Lebenssituation passt. Vielleicht suchen wir noch nach einer Alternative. Und irgendwann gehorchen wir – vielleicht auch nur teilweise.

Ich sage es so, wie es ist: Gottgefällig ist es anders. Deshalb wiederhole ich es noch einmal: hören, verstehen, gehorchen – und Gott schenkt Freude.

Gottes Gebote sind niemals dazu da, uns die Freude zu rauben. Im Gegenteil: Sie bewahren unsere Freude. Der Schöpfer weiß besser als wir selbst, wie Leben wirklich gelingt.

Das Erinnerungsfest der Gemeinde

Auch wir als Gemeinde haben ein Erinnerungsfest: das Abendmahl. Das haben wir letzte Woche gefeiert. Jesus sagt: „Tu dies zu meinem Gedächtnis.“

Jedes Mal, wenn wir Brot und Kelch sehen, erinnern wir uns daran: Nicht meine Leistung rettet mich, nicht meine Frömmigkeit, nicht meine Bibelkenntnis und nicht mein Dienst im Haus Gottes, sondern einzig und allein das vollkommene Werk Jesu Christi.

Nehemia 8 weist auf Jesus Christus hin

Jetzt kommen wir zum eigentlichen Mittelpunkt. Nicht zur Mitte der Predigt – wir sind fast durch. Für mich ist Nehemia 8 letztendlich kein bloßes Kapitel über Esra, Nehemia oder das Volk Israel. Es ist ein Kapitel, das deutlich auf Jesus Christus hinweist.

Esra las das Gesetz. Jesus Christus erfüllt das Gesetz.

Esra erklärte Gottes Wort. Jesus Christus ist das fleischgewordene Wort.

Das Gesetz deckte die Sünde auf. Christus trägt die Sünde ans Kreuz.

Das Gesetz bringt uns Menschen zum Weinen. Christus verwandelt deine Tränen in Freude.

Das Volk brauchte die Hütten als Erinnerung an Gottes Bewahrung. Jesus schlägt, wie es im Johannes-Evangelium heißt, sein Zelt mitten unter uns auf:

Und das Wort wurde Fleisch und wohnte (griechisch: eskēnōsen=zelten) unter uns; (Johannes 1,14)

Nehemia 8 weckte im Volk diesen Hunger nach dem Wort Gottes. Jesus sagt:

Ich bin das Brot des Lebens (Johannes 6,35)

Nehemia 8 zeigt die Freude des Herrn. Jesus sagt:

Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude völlig werde (Johannes 15,11)

Eine Frage an unsere Gemeinde

Geschwister, ich frage mich, wie unsere Gemeinde aussehen würde, wenn das, was wir lesen, unser Gemeindeleben wirklich prägen würde.

Was würde passieren, wenn wir sonntags mit echter Erwartung hierherkämen, dass Gott zu dir spricht und du einfach nur hören musst?

Wie würden unsere Gottesdienste und unsere Gemeinschaft aussehen, wenn wir nicht fragen würden: „War die Predigt gut?“, sondern: „Hat Gott heute zu dir gesprochen?“

Wie würde unsere Gemeinde aussehen, wenn wir nicht nur mit den Ohren hören, sondern Gottes Wort im Herzen wirken lassen?

Wie würde unsere Gemeinde aussehen, wenn unsere Kinder sehen, dass die Bibel bei uns nicht nur Dekoration ist, sondern die Grundlage unseres Lebens?

Zum Mitnehmen

Zum Schluss möchte ich dir noch einige Punkte mitgeben.

Ehrfurcht und Liebe schließen sich nicht aus. Deshalb frage ich dich: Mit welcher Haltung kommst du am Sonntag hierher?

Die Predigt soll die Stimme Gottes durch den biblischen Text hörbar machen.

Die Freude, die der Herr an seinem Volk hat, ist unsere Stärke.

Echte Buße darf niemals in Hoffnungslosigkeit enden, sondern muss zum Kreuz führen.

Und ein Herz, das von Gottes Gnade berührt wurde, kann nicht unverändert bleiben.

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