Warten auf Gottes Handeln
In unserer Zeit sind wir nicht besonders gut darin zu warten. Wir haben Erwartungen daran, dass etwas geschieht. Doch wenn nichts passiert, fühlt sich das nach kurzer Zeit merkwürdig an. Man wird unruhig, fragt sich, wann endlich etwas in Bewegung kommt.
Nehemia dagegen wartete deutlich über 100 Tage. Er war Mundschenk am Hof des persischen Königs Artaxerxes, und sein Herz war schwer geworden. Er hatte erschütternde Nachrichten aus Jerusalem erhalten: Die Stadt lag in Trümmern, und die Not seines Volkes ließ ihn nicht los. Er war 1.300 Kilometer entfernt von der Schmach seines Volkes und der Zerstörung der Stadt Jerusalems. Er erschien in dieser Zeit zur Untätigkeit verdammt. Doch das war nicht so.
Er wartete nicht passiv, sondern harrte aktiv. Das Wort „harren“ verwenden wir heute kaum noch, doch in der Bibel begegnet es uns immer wieder und es hat eine wunderschöne Bedeutung. Es beschreibt weit mehr als bloßes Warten. Harren ist nicht ein unsicheres oder irritiertes Warten, bei dem man nicht weiß, was geschieht, wohin man blicken oder woran man denken soll. Vielmehr ist es ein sehnsüchtiges und zugleich vertrauensvolles Warten auf Gottes Handeln. Es ist ein aktives Festhalten an den Zusagen Gottes und seiner Treue. Es ist ein Ausdruck demütiger, sich unterordnender Hoffnung.
In dieser Art trug Nehemia Leid und Mitleid mit der Not seines Volkes. Das trieb sein Herz zum Fasten und zum Beten zu Gott, dem Gott des Himmels. Es war kein einmaliges Gebet. Er sagt, dass er Tag und Nacht in dieser Weise betete. Wie oft hatte er wohl gebetet und gefleht bis zu dem Moment, den wir nun in Kapitel 2 vor uns haben?
Wir haben eines dieser Gebete betrachtet. Es war ein Gebet voller Gotteserkenntnis. Nehemia wusste, zu welchem Gott er betete. Zugleich war es ein Gebet voller Erkenntnis der eigenen Schuld und Sünde. Es war ein Gebet, das sich in der Hoffnung darüber, wer Gott ist, und im Anerkennen der eigenen Schuld an Gott und seinen Zusagen festhielt. Ich hoffe, wir lernen über die nächsten Wochen, Monate und Jahre immer mehr, so zu beten. Denn was könnte geschehen, wenn wir alle anfingen, so zu beten und auszuharren, wie Nehemia das tat?
Gemeinsam beten
In Vers 11 des ersten Kapitels finden wir ein kleines Detail, das mich sehr ermutigt:
„Ach Herr, lass doch dein Ohr aufmerksam sein auf das Gebet deines Knechtes“
damit meint Nehemia sich selbst,
„und auf das Gebet deiner Knechte, die das Verlangen haben, deinen Namen zu fürchten.“
Nehemia betete nicht allein. Da waren noch andere, die ein Verlangen und eine Sehnsucht in ihren Herzen trugen, Gott zu fürchten, sich unter den großen Gott und sein Wort zu stellen und Gott an seine Verheißungen zu erinnern. Es waren Menschen, die vor den “Thron der Gnade” kamen, um “Barmherzigkeit zu erlangen und Gnade zu finden zur rechtzeitigen Hilfe”. Genau dazu ermutigt uns auch Hebräer 4,16:
So lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe!
Wir müssen in unseren Gebeten nicht allein sein. Schau dich einmal um, wie viele potenzielle Beter in der Art Nehemias um dich herum sitzen. Wäre es nicht schön, wenn wir das mehr zu einer Kultur machen würden, dass wir die gemeinsamen Gebetszeiten schätzen und uns in Zeiten der Not gegenseitig versichern, dass andere für uns und mit uns beten?
Der Tag, für den Nehemia gebetet hatte
Im letzten Vers von Kapitel 1 haben wir gelesen:
Lass es doch deinem Knecht heute gelingen, und gib ihm Barmherzigkeit vor diesem Mann! (Nehemia 1,11b)
Das ist die Überleitung zu der heutigen Predigt. Wir lesen im Nehemia 2 die Verse 1-10:
Es geschah aber im Monat Nisan, im zwanzigsten Jahr des Königs Artasasta, als Wein vor ihm stand, da nahm ich den Wein und gab ihn dem König. Ich war aber zuvor nie traurig vor ihm gewesen. 2 Da sprach der König zu mir: Warum siehst du so traurig aus? Du bist doch nicht krank? Es ist nichts anderes als ein betrübtes Herz! Da fürchtete ich mich sehr; 3 und ich sprach zu dem König: Der König lebe ewig! Warum sollte ich nicht traurig aussehen, da doch die Stadt, wo die Grabstätte meiner Väter ist, in Trümmern liegt und ihre Tore vom Feuer verzehrt sind? 4 Da sprach der König zu mir: Was erbittest du denn? Da flehte ich zu dem Gott des Himmels; 5 und dann sagte ich zu dem König: Wenn es dem König gefällt und wenn dein Knecht wohlgefällig vor dir ist, so sende mich nach Juda, zu der Stadt, wo meine Väter begraben liegen, damit ich sie wieder aufbaue! 6 Da sprach der König zu mir, während die Königin neben ihm saß: Wie lange wird die Reise dauern, und wann wirst du zurückkommen? Und es gefiel dem König, mich hinzusenden, nachdem ich ihm eine bestimmte Zeit genannt hatte. 7 Und ich sprach zu dem König: Wenn es dem König gefällt, so gebe man mir Briefe an die Statthalter jenseits des Stromes, damit sie mich durchziehen lassen, bis ich nach Juda komme; 8 auch einen Brief an Asaph, den Forstmeister des Königs, dass er mir Holz gibt, damit ich die Tore des Tempelbezirkes, der zum Haus [Gottes] gehört, aus Balken zimmern kann, und für die Stadtmauer und für das Haus, in das ich ziehen soll! Und der König gab sie mir, weil die gute Hand meines Gottes über mir war. 9 Als ich nun zu den Statthaltern jenseits des Stromes kam, gab ich ihnen die Briefe des Königs. Und der König hatte Oberste des Heeres und Reiter mit mir gesandt. 10 Als aber Sanballat, der Horoniter, und Tobija, der ammonitische Knecht, dies hörten, missfiel es ihnen sehr, dass ein Mensch gekommen war, um das Wohl der Kinder Israels zu suchen.
Traurige Bereitschaft (Verse 1-3)
Wir lesen hier von dem Tag, für den Nehemia gebetet hatte. Er war Mundschenk und reichte dem König den vorgekosteten Wein. Sicherlich hatte er das schon unzählige Male in seiner beruflichen Laufbahn getan. Aber an diesem Tag war etwas anders als sonst.
Nehemia war traurig vor dem König, was eigentlich nicht passieren darf. Für uns ist es heute in der Regel kein Problem, mit schlechter Laune oder betrübtem Herzen zur Arbeit zu gehen. Vielleicht bekommen wir dann sogar eine mitleidige Nachfrage. Für Nehemia aber war es lebensbedrohlich, wenn er traurig in die Gegenwart dieses großen persischen Königs kommt. Alles, was die Freude des Königs beeinträchtigen oder herabziehen konnte, war in seiner Gegenwart verboten.
Doch Nehemia konnte die Traurigkeit, die sich über Monate in ihm bewegt hatte, nicht länger zurückhalten. Sie stand ihm ins Gesicht geschrieben. Deshalb schreibt er über sich:
Da fürchtete ich mich sehr. (Nehemia 2,2)
Der König hatte seine Traurigkeit bemerkt und ihn darauf angesprochen. Es hätte ihn den Kopf kosten können.
Mut in aussichtsloser Lage
Hat Nehemia auf diesen Moment gewartet? Wir wissen es nicht genau. Aber wir sehen, dass er bereit war, vorzubringen, was sein Herz so sehr bewegte und traurig gemacht hatte. Er gibt eine erstaunlich mutige und direkte Antwort:
Warum sollte ich nicht traurig aussehen, da doch die Stadt, wo die Grabstätte meiner Väter ist, in Trümmern liegt? (Nehemia 2,3)
Ein Mundschenk durfte nur reden, wenn er gefragt wurde. Es war ratsam, sich genau zu überlegen, was man in der Gegenwart des Königs sagte. Doch in seiner Antwort hören wir einen Ton des Unverständnisses: Wie kann man nicht traurig sein, wenn Jerusalem so daliegt, wie es daliegt? Er denkt nicht lange nach, sondern redet aus dem, was in seinem Herzen ist.
Wir müssen noch etwas bedenken: Zu wem spricht Nehemia hier? Er spricht zu dem persischen König Artaxerxes. Genau dieser König hatte Jahre zuvor, wie wir in Esra 4 lesen, den Baustopp Jerusalems verhängt. Der König, der dort sitzt, ist schuld daran, dass Jerusalem so daliegt, wie es daliegt, und damit auch daran, dass Nehemia in seiner Gegenwart traurig ist.
Eigentlich sagt Nehemia hier: „Ich bin zu Recht traurig, weil du, o König, den Aufbau der Stadt meiner Väter gestoppt und verboten hast.“ Ich bin mir sicher: Niemals zuvor hat ein Knecht es gewagt, zu Artaxerxes in dieser Weise zu sprechen. Wenn wir dann noch das Buch Esther betrachten, lernen wir dort, dass eine Anordnung am persischen Hof niemals widerrufen oder zurückgenommen wurde.
Dieses Anliegen Nehemias ist also nicht nur aussichtslos, sondern auch lebensgefährlich. Doch Nehemia war bereit, sich von Gott gebrauchen zu lassen. Er trug dieses Leid, diese Trauer über Jerusalem im Herzen und konnte nicht anders, als sie in diesem entscheidenden Moment hervorzubringen.
Jesus in trauriger Bereitschaft
Wir sehen etwas Ähnliches bei unserem Herrn Jesus. Auch er trauerte und weinte über den geistlichen Zustand Jerusalems:
Und als er (Jesus) näher kam und die Stadt (Jerusalem) sah, weinte er über sie. (Lukas 19,41)
Hier sehen wir, dass Jesu Herz voller Mitleid und Erbarmen für seine Schafe, seine Herde, war. Als der gute Hirte war er bereit zu kommen – unter der Gefahr seines Lebens. Voller Mitleid und Erbarmen war er bereit zu sterben, um alle zu erlösen, die errettet werden sollten.
Dieselbe Traurigkeit sehen wir bei Nehemia. Wir erkennen darin eine Parallele zu unserem Herrn Jesus Christus: Von Traurigkeit und Mitleid bewegt, war er bereit, für die Sache Gottes und sein Werk voranzugehen.
Bereit, uns gebrauchen zu lassen
Deshalb stellt sich uns die offensichtliche Frage: Wie steht es bei uns mit der Traurigkeit über Not und Zerbruch, die wir sehen? Macht es etwas mit uns, wenn wir Zerbruch in Ehen, Not in Familien oder Not in der Gemeinde sehen – hier, in Deutschland oder weltweit? Bewegt das unsere Herzen? Oder sind wir zufrieden, solange unser persönliches Leben einigermaßen glatt läuft, der Job passt und die Wohnsituation stimmt?
Lassen wir Mitleid zu? Harren wir darin aus, wie Nehemia es tat und wie wir es auch bei unserem Herrn Jesus sehen? Sind wir dann auch bereit, den Schritt herauszutreten und zu sagen: Ja, ich lasse mich gebrauchen, wenn der Herr es möchte?
Wenn ich mich hier umschaue, sehe ich viele Menschen, viele liebe Geschwister und viel Potenzial. Was könnte geschehen, wenn wir alle anfingen, so zu beten, auszuharren und uns bereit zu machen, wie Nehemia es tat? Es gibt so viele Orte des Zerbruchs, so viele Trümmerfelder, auf denen aufgebaut werden kann. Lasst uns vor dem Herrn prüfen, ob wir nicht den Schritt gehen sollten, uns zu beteiligen, uns bereit zu machen und von ihm gebrauchen zu lassen.
Gunst beim König (Verse 4-6)
Die ersten drei Verse standen unter der Überschrift „Traurige Bereitschaft“. Nun kommen wir zu den Versen vier bis sechs, die ich überschrieben habe: „Gunst beim König“.
Was geschieht, nachdem Nehemia dem König den Grund seiner Traurigkeit offenlegt? Der König fragt ihn:
Was erbittest du denn? (Nehemia 2,4)
Nun ist der Moment gekommen, für den Nehemia und andere treue Knechte monatelang gebetet hatten. Aber ab diesem Augenblick gibt es für Nehemia kein Zurück mehr.
Das ist vergleichbar mit jemandem, der sich überwinden muss, vom Drei- oder Fünf-Meter-Turm zu springen. Zunächst überlegt er unten, ob er überhaupt hinaufgehen soll. Das entspricht den Monaten, in denen Nehemia wartet, überlegt und ringt. Während des Gesprächs ist er gewissermaßen die Leiter hinaufgestiegen. Jetzt steht er ganz oben. Jetzt stellt sich die Frage: Springt er?
Für Nehemia gibt es kein Zurück mehr. Und dann geschieht etwas Wunderschönes:
Da flehte ich zu dem Gott des Himmels; und dann sagte ich zu dem König (Nehemia 2,4+5)
In diesem Moment sendet Nehemia ein Stoßgebet zu dem großen Gott des Himmels. Es ist aber nicht so, dass er den König um eine technische Auszeit bittet, um sich erst zum Beten zurückzuziehen und später mit einer Antwort zurückzukehren. Nein, das wäre unmöglich gewesen. Vielmehr war es ein Glaubensinstinkt. In seinen Gedanken und in seinem Herzen richtete er diesen Ruf nach oben. Danach wandte er sich an den König. Im Vertrauen auf Gott sprach er weiter.
Der Glaubensinstinkt des Gebets
Wie ist das bei uns? Haben wir einen solchen Glaubensinstinkt? Dafür gibt es einige Voraussetzungen:
- Unsere Unfähigkeit und Hilfebedürftigkeit anerkennen
Zunächst müssen wir etwas über uns selbst wissen: In unserer eigenen Kraft sind wir völlig unfähig. Dann müssen wir etwas über unseren großen Gott wissen. Wir müssen wissen, dass bei ihm kein Ding unmöglich ist. - Die Allmacht unseres Vaters kennen
Wir haben diesen Gott als den größten Gott besungen. Glauben wir das auch? Wenn wir es nicht glauben, werden wir nicht solche Stoßgebete sprechen, sondern uns eher auf uns selbst, auf andere Menschen, auf menschliche Weisheit oder auf etwas anderes verlassen. Aus der Erzählung Nehemias können wir noch etwas Drittes lernen:
3. Geübte Beter sein
Diese spontanen, kurzen Stoßgebete entspringen einem geübten Gebetsleben. Sind wir geübte Beter? Wir alle müssen sagen, dass wir noch mehr darüber lernen können, was andauerndes und ausharrendes Gebet bedeutet.
Kennen wir das nicht? Da liegt ein Gebetsanliegen schwer auf unserem Herzen. Wir gehen ins Gebet und merken: Das ist jetzt genau das Richtige. Doch dann kommt der nächste Tag mit all seiner Beschäftigung. Die zuvor empfundene Dringlichkeit wird überlagert, und unser Gebetsinstinkt wird zurückgedrängt.
Das Gebetsleben beleben
Lasst uns deshalb unser Gebetsleben durch die Gnade Gottes neu beleben. Dann werden wir sehen, dass wir auch gute Stoßbeter werden. Lasst uns unser Gebetsleben stärken, damit wir in Situationen, in denen keine Zeit für ausführliche Gebete bleibt, diese kurzen Stoßgebete instinktiv und zugleich wirksam zu Gott sprechen können.
Eine mutige Bitte
Nachdem Nehemia dieses Stoßgebet nach oben gerichtet hat, wendet er sich an den König. Man kann es sich vorstellen wie ein kurzes: „Herr, hilf!“ Dann sagt er zum König:
“Ich will diese Stadt wieder aufbauen. König, ich will Jerusalem wieder aufbauen – die Stadt, für die du den Baustopp verhängt hast. Du weißt, dass sie in ihrer Geschichte eine aufrührerische Stadt war, eine Stadt, die immer wieder eine Gefahr für bestehende Herrschaften dargestellt hat.”
Was für eine mutige Bitte! Nur der Glaube an einen allmächtigen Gott befähigt Nehemia in diesem Moment zu einer solchen Kühnheit.
Die Hand Gottes lenkt das Herz des Königs
Was jetzt passiert passt gut zu folgenden Vers:
Gleich Wasserbächen ist das Herz des Königs in der Hand des HERRN; er leitet es, wohin immer er will. (Sprüche 21, 1)
Es scheint, als würde Nehemia die Gunst des Königs gewinnen. Doch in Wahrheit ist es die gute Hand Gottes, die über Nehemia ist und den König Artaxerxes lenkt, wie Gott es will.
Der König fragt, wie lange Nehemia fortbleiben wird. Es ist beinahe so, als würde er ihm ein leeres Formular hinlegen und sagen: Trage einfach ein, wann du zurückkommst. Wie könnte man sonst diese Reaktion erklären, wenn man den großen Gott des Himmels nicht mit in die Rechnung einbezieht?
Und es gefiel dem König, mich hinzusenden, nachdem ich ihm eine bestimmte Zeit genannt hatte. (Nehemia 2,6)
Wer kann darüber nicht staunen? Aus menschlicher Sicht war es völlig unwahrscheinlich, dass dieser König eine solche Bitte genehmigen würde. Und doch tut er es, weil der große Gott im Himmel alles nach dem Ratschluss seines Willens ausführt.
Die Zuversicht im Gebet
Dazu passt auch das Wort aus Jesaja:
Ehe sie rufen, will ich antworten; während sie noch reden, will ich sie erhören! (Jesaja 65,24)
Wie gut ist es, einen solchen Gott zu haben. Und wie gut ist es, dass wir im Gebet Zugang zu diesem Gott haben dürfen, der jetzt unser Vater ist.
Die eigentliche Hauptperson
Habt ihr die Ironie in diesem Abschnitt bemerkt? In diesen zehn Versen wird fünfzehnmal vom König gesprochen. Immer wieder lesen wir vom König Artaxerxes: Der König spricht, der König antwortet, man spricht zum König. Die Zeit wird nach ihm gerechnet. Er bestimmt, wer wann reden darf. Er gewährt Nehemias Bitten und sendet ihn nach Jerusalem. In den folgenden Versen sehen wir sogar, dass er Nehemia mit allem versorgt, was zum Wiederaufbau Jerusalems nötig ist.
Wenn wir das so lesen, könnten wir meinen, es gehe um diesen König. Doch tatsächlich geht es um den Gott, in dessen Hand dieser König war. Es war die gute Hand Gottes, die die Fäden der Geschichte hielt.
Darum ist es fast zum Schmunzeln: Der König denkt, nach seinem eigenen Wohlgefallen entschieden zu haben, während in Wirklichkeit in jeder einzelnen Entscheidung das Wohlgefallen Gottes sichtbar wird.
Vertrauen in Gottes Führung
Auch wir dürfen absolut sicher sein, dass unser Gott seine Geschichte mit uns – persönlich wie gemeinschaftlich – Schritt für Schritt nach seinem Ratschluss ausführen wird. Niemand kann ihn daran hindern.
Die entscheidende Frage lautet: Vertraust du diesem Gott? Vertraust du der guten Hand Gottes über deinem Leben, auch dann, wenn du dich in einer Zeit des Wartens befindest, die unangenehm, lang, schwer und voller Not sein kann?
Ich wünsche uns allen, dass wir dieses Ausharren lernen. Hier gibt es Menschen, die viel aushalten müssen. Lasst uns ihnen zur Seite stehen.
Die gute Hand Gottes (Verse 7-9)
Als wäre alles, was wir bisher gesehen haben, nicht schon erstaunlich genug, scheint Nehemia nun noch kühner zu werden. In Vers 7 spricht er, ohne gefragt worden zu sein. Er bittet um eine Durchzugsbescheinigung für seine Reise, damit er unterwegs keine Schwierigkeiten bekommt. Außerdem verlangt er einen Brief an den königlichen Förster und ausreichend Holz für die Tore, die Mauer und sogar für sein eigenes Haus.
Unglaublich. Doch der König gewährt ihm all das.
Nehemia war auf diesen Moment vorbereitet. Er hatte sich genau überlegt, was für dieses Vorhaben erforderlich sein würde. Im Vertrauen auf Gott und in demütiger Abhängigkeit von ihm hatte er geplant und bedacht, was nötig war.
Mehr als er erbeten hatte
Der König tut sogar noch mehr für Nehemia:
Und der König hatte Oberste des Heeres und Reiter mit mir gesandt. (Nehemia 2,9b)
Danach hatte Nehemia gar nicht gefragt. Dennoch erhielt er königlich-militärischen Schutz für seine Reise, um eine Stadt wieder aufzubauen, die eigentlich als Feind des Persischen Reiches galt.
Was haben wir für einen großen Gott!
Esra und Nehemia – zwei Wege des Glaubens
An dieser Stelle möchte ich auf eine interessante Parallele zu Esra eingehen, einem Zeitgenossen Nehemias. Auch er hatte einige Jahre zuvor dieselbe Reise nach Jerusalem unternommen.
In Esra 8 lesen wir:
Und ich ließ dort an dem Fluss Ahawa ein Fasten ausrufen, dass wir uns demütigten vor unserem Gott, um von ihm einen geebneten Weg für uns und unsere Kinder und alle unsere Habe zu erflehen. 22 Denn ich schämte mich, vom König ein Heer und Reiter anzufordern, die uns gegen den Feind auf dem Weg helfen könnten; denn wir hatten mit dem König geredet und gesagt: »Die Hand unseres Gottes ist über allen, die ihn suchen, zu ihrem Guten; seine Stärke aber und sein Zorn sind gegen alle, die ihn verlassen!« (Esra 8,21-23)
Zwei Männer Gottes. Gleiche Zeit. Gleicher Weg. Unterschiedliche Herangehensweisen.
Vielleicht beginnt in unseren Gedanken sofort ein Vergleich. Man könnte meinen, Esra sei geistlicher gewesen, weil er bewusst auf den Schutz des Königs verzichtete. Doch wir sollten vorsichtig sein. Wir neigen schnell dazu, Kategorien zu bilden und zu bewerten.
Die Maßstäbe für unsere Beurteilungen
Was sollte unsere Leitlinie sein, wenn wir unterschiedliche Wege in derselben Sache beurteilen?
In Römer 14 lesen wir:
Wer aber zweifelt, der ist verurteilt, wenn er doch isst, weil es nicht aus Glauben geschieht. Alles aber, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde. (Römer 14,23)
Dort geht es um die Frage, ob bestimmtes Fleisch gegessen werden sollte oder nicht. Der Grundsatz lautet jedoch: Alles muss aus Glauben geschehen.
Sowohl Esra als auch Nehemia handelten in ihrer jeweiligen Situation im Glauben. Gott segnete beide Wege.
Können wir das auch für uns stehen lassen, wenn wir innerhalb der Christenheit oder der Gemeinde unterschiedliche Herangehensweisen sehen? Es muss aus Überzeugung, im Glauben und unter dem Wort Gottes geschehen. Dann können unterschiedliche Wege beide in den Augen Gottes wohlgefällig sein.
Ich halte diesen Gedanken für wichtig, weil wir solchen Fragen immer wieder begegnen und oft bereits feste Bewertungsmuster in uns tragen.
Die gute Hand Gottes
Am Ende von Vers 8 sagt Nehemia rückblickend:
Weil die gute Hand meines Gottes über mir war. (Nehemia 2,8b)
Nachdem Nehemia all die Dinge betrachtet hatte, die geschehen waren, erkannte er darin die gute Hand Gottes. Sehen wir hier nicht den herrlichen Triumph des Glaubens? Einen Triumph, der mit leidenschaftlichem Gebet, geduldigem Ausharren und mutiger Bereitschaft begonnen hatte.
Alles war der guten Hand Gottes zuzuschreiben. Nehemia wurde durch Glauben und Gebet in den Plan Gottes hineingenommen. Aus Gnade wurde er befähigt, an Gottes Geschichte mitzuarbeiten.
Wir haben bereits in der ersten Predigt gelernt, dass Gottes Plan damals darin bestand, sein Volk zu erhalten, damit der Messias, der verheißene Retter, geboren werden konnte. Sein Plan war es, Jerusalem zu erhalten und zu befestigen, damit der Messias zur bestimmten Zeit in diese Stadt einziehen sollte und wenig später außerhalb ihrer Tore am Kreuz sterben würde. Genau 480 Jahre nach dem Zeitpunkt, von dem wir in Nehemia 2 lesen, geschah dies auf dem Hügel Golgatha.
Der Heilsplan Gottes in Christus
Dort zog der große Gott seine gute Hand über seinem Sohn Jesus Christus zurück und zerschlug ihn am Kreuz im Gericht für meine und deine Sünde, zu deiner und meiner ewigen Errettung.
Nehemia hatte nicht erlebt, dass die gute Hand Gottes sich von ihm zurückzog. Für den Sohn Gottes jedoch war dies der Heilsplan für uns alle. Christus starb am Kreuz, wie es im Ratschluss Gottes von Ewigkeit her fest beschlossen und zur rechten Zeit ausgeführt wurde.
Können wir darüber nicht staunen? Nehemia erlebte durch Glauben, Gehorsam und Gnade die gute Hand Gottes über sich. Ohne es zu wissen, hatte er Anteil an der Heilsgeschichte Gottes, die 480 Jahre später in Jesus Christus, dem Sohn Gottes, ihren Höhepunkt finden sollte.
Widerstand gegen Gottes Werk
Was geschah dann?
Aus Nehemia, dem Mundschenk von Susa, wurde Nehemia, der Bauarbeiter in Jerusalem, der das Wohl der Kinder Israels suchte, wie wir in Vers 10 lesen.
Immer dann, wenn ein Mensch das Wohl des Volkes Gottes sucht, kommt Widerstand. Immer wird der Feind aktiv und widersteht. So war es von Anfang an, und so wird es immer sein.
So kam auch unser Herr Jesus in diese Welt, um nach dem Wohl seiner Schafe, nach dem Wohl des Volkes Gottes zu suchen. Er wurde angefeindet, gehasst und schließlich an einem Kreuz getötet. Doch das, was der Feind damals zum Bösen gedacht und ausgeführt hatte, drehte Gott in seiner guten Hand zu unserer Errettung und Erlösung um. Daraus entstand dieser triumphale Wendepunkt in seiner Geschichte, die er mit uns und für uns schreibt.
Gottes Herz heute
Liebe Gemeinde, auch wir können heute Anteil haben an dem, was Gott tut.
Damals war es das Herz Gottes, sein Volk zu reinigen, Jerusalem aufzubauen und zu befestigen. Wo ist heute das Herz Gottes? Bei seiner Gemeinde. Bei den Ehen. Bei den Familien. Bei der Wahrheit.
Sehen wir in all diesen Bereichen nicht Zerbruch? Sehen wir nicht Dinge, die erneuert und aufgebaut werden müssen?
„Gott erneuert“ haben wir diese Predigtserie überschrieben. Ihr Lieben, was könnte geschehen, wenn wir alle anfingen, so zu beten, auszuharren und uns von Gott gebrauchen zu lassen, wie Nehemia es tat?
Wir können uns sicher sein: Immer dann, wenn wir uns auf diese Weise für die Sache Gottes gebrauchen lassen, ist die gute Hand des Gottes des Himmels über uns.
Ermutigung und Herausforderung
Ich hoffe, dass wir durch diese Worte aus Nehemia 2 Ermutigung empfangen haben. Zugleich fordern sie uns heraus.
Sie stellen uns die Frage, wie wir Leid und Mitleid zulassen und wie wir darin ausharren. Sie stellen uns die Frage, wie wir aus diesem Leid und Mitleiden heraus bereit werden für Gott.
Sind wir bereit für Gott?
Noch einmal: Was könnte geschehen, wenn wir das ganze Potenzial der Menschen, die hier sitzen, wirklich auf diese Weise Gott zur Verfügung stellten?

