Esther im Persischen Reich
Heute schließen wir unsere Sommerpredigtreihe über Heldengeschichten ab. Dazu schauen wir uns das Buch Esther im Alten Testament an. Das Besondere an diesem Buch: Gott wird kein einziges Mal erwähnt. Das Spannende jedoch ist, wie deutlich Gottes Wirken im Hintergrund erkennbar ist. Das Buch Esther umfasst zehn Kapitel. Ich möchte euch zunächst mit hineinnehmen in die Geschichte und kurz zusammenfassen, was geschieht.
Wir befinden uns ungefähr im Jahr 480 vor Christus. Das Volk Israel war einige Jahrzehnte zuvor ins Exil verschleppt worden. Inzwischen durften die Juden zwar wieder nach Jerusalem zurückkehren, doch viele von ihnen lebten weiterhin im Persischen Reich.
Zu ihnen gehörten Esther und ihr Pflegevater Mordechai. Sie lebten in Susa, einer der Hauptstädte des riesigen Persischen Reiches. Königs Ahasveros war einer der mächtigsten Herrscher seiner Zeit. Er regierte über 127 Provinzen. Eine dieser 127 Provinzen war auch Israel.
Esther wird Königin
Zu Beginn des Buches verstößt Ahasveros seine Königin und sucht anschließend nach einer neuen Frau. Man könnte sagen, er veranstaltet eine Art Schönheitswettbewerb dazu:
der König bestimme Beamte in allen Provinzen seines Königreichs, damit sie alle Mädchen, Jungfrauen von schöner Gestalt, in die Burg Susan zusammenbringen (Esther 2,3)
Eine dieser Mädchen ist Esther. Sie fällt auf. Sie ist außergewöhnlich schön und findet bei den Menschen am Hof Gunst. Schließlich gewinnt sie auch die Gunst des Königs und wird Königin. Doch etwas Entscheidendes weiß der König nicht: Esther ist Jüdin.
Esther aber gab ihr Volk und ihre Herkunft nicht an; denn Mordechai hatte ihr geboten, es nicht zu sagen. (Esther 2,10)
Ihr Pflegevater Mordechai hatte ihr geraten, ihre Herkunft geheim zu halten. Warum das später so wichtig wird, werden wir noch sehen. Damit stehen zwei Hauptpersonen unserer Geschichte fest: Esther, die unerwartet Königin des Persischen Reiches wird, und Mordechai, ihr Pflegevater und Ratgeber.
Haman und Mordechai
In Kapitel 3 lernen wir eine weitere Person kennen: Haman. Er war einer der wichtigsten Fürsten beim König.
Nach diesen Begebenheiten erhob der König Ahasveros Haman, den Sohn Hamedatas, den Agagiter, zu höherer Macht und Würde und setzte ihn über alle Fürsten, die bei ihm waren. 2 Und alle Knechte des Königs, die im Tor des Königs waren, beugten die Knie und fielen vor Haman nieder; denn der König hatte es so geboten. Aber Mordechai beugte die Knie nicht und fiel nicht nieder. 3 Da sprachen die Knechte des Königs, die im Tor des Königs waren, zu Mordechai: Warum übertrittst du das Gebot des Königs? 4 Und es geschah, als sie dies täglich zu ihm sagten und er ihnen nicht gehorchte, sagten sie es Haman, um zu sehen, ob man Mordechais Begründung gelten lassen würde; denn er hatte ihnen gesagt, dass er ein Jude sei. 5 Als nun Haman sah, dass Mordechai die Knie nicht vor ihm beugte und nicht vor ihm niederfiel, da wurde er mit Wut erfüllt. 6 Doch es war ihm zu wenig, an Mordechai allein Hand zu legen; sondern weil man ihm das Volk Mordechais genannt hatte, trachtete Haman danach, alle Juden im ganzen Königreich des Ahasveros, das Volk Mordechais, zu vertilgen. (Esther 3,1-6)
Was passiert hier? Alle beugen die Knie vor Haman – außer Mordechai. Deswegen wird Haman mit Wut erfüllt und schmiedet einen Plan. Er will sich an Mordechai rächen, aber nicht nur an ihm, sondern an seinem ganzen Volk, dem gesamten jüdischen Volk.
Hamans Plan gegen die Juden
In Vers 7 lesen wir, wie Haman vorgeht:
das Pur, das ist das Los, (wurde) vor Haman geworfen (Esther 3,7)
Durch dieses Los wurde der Tag bestimmt, an dem das jüdische Volk vernichtet werden sollte.
Daher kommt übrigens der Name des jüdischen Purimfestes, das bis heute gefeiert wird. Es erinnert an die Ereignisse des Buches Esther und daran, wie die drohende Vernichtung der Juden schließlich abgewendet wurde.
Haman geht nun zum König und berichtet ihm von einem Volk, das zerstreut im ganzen Reich lebt. Er behauptet, dieses Volk halte sich nicht an die Gesetze des Königs, und schlägt deshalb seine Vernichtung vor. Dafür bietet er dem König die gewaltige Summe von 10.000 Talenten Silber an.
In Kapitel 3, Verse 10 und 11, lesen wir, wie der König reagiert:
Da zog der König seinen Siegelring von der Hand, gab ihn Haman, dem Sohn Hamadatas, dem Agagiter, dem Feind der Juden. Der König sprach zu Haman: Das Silber sei dir geschenkt, und das Volk dazu, dass du mit ihm tust, was dir gefällt.
Damit scheint das Schicksal der Juden besiegelt. Der Tag ihrer Vernichtung ist festgelegt, und der mächtigste Mann des Persischen Reiches hat Haman die Vollmacht gegeben, seinen Plan auszuführen.
Trauer unter den Juden
Damit kommen wir zu dem zentralen Text in Kapitel 4. Hier sehen wir Esthers Reaktion und damit auch, warum wir diese Geschichte heute als eine der Heldengeschichten betrachten.
Zunächst lesen wir in Kapitel 4, wie Mordechai und die Juden auf den Erlass reagieren:
Als nun Mordechai alles erfuhr, was geschehen war, da zerriss Mordechai seine Kleider und kleidete sich in Sack und Asche und ging in die Stadt hinein und klagte laut und bitterlich. 2 Und er kam bis vor das Tor des Königs; denn es durfte niemand zum Tor des Königs eingehen, der in Sacktuch gekleidet war. 3 Auch in allen Provinzen, wo immer das Wort und Gebot des Königs hinkam, war unter den Juden große Trauer und Fasten und Weinen und Wehklage, und viele lagen auf Sacktuch und in der Asche. 4 Und die Mägde der Esther und ihre Kämmerer kamen und sagten es ihr; und die Königin erschrak sehr. Und sie sandte Kleider, damit Mordechai sie anziehe und das Sacktuch ablege. Aber er nahm sie nicht an. (Esther 4,1-4)
Im ganzen Reich reagieren die Juden mit Trauer, Fasten, Weinen und Wehklagen. Aus menschlicher Sicht scheint ihr Schicksal besiegelt: Der Erlass zu ihrer Vernichtung ist beschlossen.
Esther erfährt zunächst von Mordechais Trauer und erschrickt sehr. Sie schickt ihm neue Kleider, doch Mordechai weigert sich, seine Trauerkleider abzulegen.
Mordechais Auftrag an Esther
Daraufhin lässt Esther Mordechai fragen, was geschehen ist. Mordechai berichtet ihr von dem Erlass und lässt ihr sogar eine Abschrift davon zukommen.
Dann fordert er sie auf, zum König zu gehen und ihn um Gnade für ihr Volk anzuflehen.
Das klingt zunächst naheliegend. Doch für Esther bedeutet dieser Schritt, ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. In Kapitel 4, Vers 11, erklärt sie warum:
Alle Knechte des Königs und die Leute in den königlichen Provinzen wissen, dass, wer irgend in den inneren Hof zum König hineingeht, es sei Mann oder Frau, ohne gerufen zu sein, nach dem gleichen Gesetz sterben muss, es sei denn, dass ihm der König das goldene Zepter entgegenstreckt, damit er am Leben bleibe. Ich aber bin nun seit 30 Tagen nicht gerufen worden, dass ich zum König hineingehen sollte.
Ungerufen vor dem König zu erscheinen, konnte Esther also das Leben kosten. Nur wenn der König ihr das goldene Zepter entgegenstreckte, würde sie verschont werden. Und Esther war seit 30 Tagen nicht mehr zu ihm gerufen worden, was nicht gerade für eine enge und vertraute Ehe zwischen dem König und ihr als Königin spricht.
Esther wusste also genau, welches Risiko Mordechai von ihr verlangte. Im Grunde sagt sie zu ihm: Ist dir bewusst, dass du mich aufforderst, dafür möglicherweise mit meinem Leben zu bezahlen?
Für eine Zeit wie diese
Faszinierend ist nun Mordechais Antwort:
Als nun Esthers Worte Mordechai mitgeteilt wurden, da ließ Mordechai der Esther antworten: Denke nicht in deinem Herzen, dass du vor allen Juden entkommen würdest, weil du im Hause des Königs bist. Denn wenn du jetzt schweigst, so wird von einer anderen Seite her Befreiung und Rettung für die Juden kommen. Du aber und das Haus deines Vaters werden untergehen. Und wer weiß, ob du nicht gerade wegen einer Zeit wie dieser zum Königtum gekommen bist? Da ließ Esther dem Mordechai antworten: So geh hin, versammle alle Juden, die in Susa wohnen und anwesend sind, und faste für mich drei Tage lang bei Tag und Nacht. Esst und trinkt nicht, auch ich will mit meinen Mägden so fasten. Und dann will ich zum König hineingehen, obgleich es nicht nach dem Gesetz ist. Komme ich um, so komme ich um. Und Mordechai ging hin und machte alles ganz so, wie Esther ihm geboten hatte. (Esther 4,12-17)
Mordechai macht Esther zunächst eines klar: Denke nicht, dass du mit dem Leben davonkommst, nur weil du Königin bist. Doch dann sagt er in Vers 14 etwas Bemerkenswertes:
Wenn du schweigst, so wird von einer anderen Seite her Befreiung und Rettung kommen für die Juden.
Mordechai ist überzeugt: Rettung für die Juden wird kommen. Woher nimmt er diese Gewissheit? Gott erwähnt er auch hier nicht ausdrücklich. Aber im Licht der ganzen Schrift liegt es nahe, darin sein Vertrauen auf Gottes Treue zu seinem Volk zu erkennen. Immer wieder hatte Gott sein Volk bewahrt und gerettet.
Doch dann sagt Mordechai:
Aber wer weiß, ob du nicht wegen einer Zeit wie dieser zum Königtum gekommen bist?
Das ist bemerkenswert: Mordechai vertraut darauf, dass Rettung kommen wird – aber er behauptet nicht zu wissen, wie Gott sie herbeiführen wird. „Wer weiß?“ Vielleicht ist Esther genau deshalb in diese Position gekommen. Vielleicht hat Gott sie gerade für diesen Moment zur Königin werden lassen.
Mordechai kennt Gottes verborgenen Plan nicht. Aber er vertraut darauf, dass Gott handelt – und fordert Esther auf, die Verantwortung wahrzunehmen, die jetzt vor ihr liegt.
„Komme ich um, so komme ich um“
Und was tut Esther? Sie entscheidet sich zu handeln – obwohl es sie das Leben kosten könnte. Zunächst gibt sie Mordechai eine klare Anweisung:
So geh hin, versammle alle Juden, die in Susan anwesend sind, und fastet für mich, drei Tage lang bei Tag und Nacht, esst und trinkt nicht… (Esther 4,16)
Auch Esther und ihre Mägde werden fasten.
Und danach wird sie zum König gehen.
Esther weiß nicht, wie es ausgehen wird. Sie hat keine besondere Offenbarung bekommen, dass der König ihr das goldene Zepter entgegenstrecken und sie verschonen wird. Trotzdem ist sie bereit zu handeln.
Und dann sagt sie diesen bemerkenswerten Satz:
Komme ich um, so komme ich um. (Esther 4,16)
Was für eine starke und heldenhafte Aussage!
Esther schweigt nicht länger. Sie ist bereit, ihre Stellung als Königin einzusetzen und sogar ihr eigenes Leben für ihr Volk aufs Spiel zu setzen.
Das Entscheidende ist: Esther kennt den Ausgang nicht. Sie weiß nicht, was geschehen wird. Aber sie handelt trotzdem und überlässt den Ausgang Gott.
Komme ich um, so komme ich um.
Das ist kein leichtfertiger Umgang mit ihrem Leben. Es ist die Bereitschaft, das Richtige zu tun, auch wenn sie die Konsequenzen nicht kontrollieren kann. Esther sucht nicht das Risiko. Sie sucht den treuen, verantwortlichen Gehorsam – und dieser Gehorsam bringt in ihrer Situation ein enormes Risiko mit sich.
Was wir aus dieser Geschichte lernen können
An dieser Stelle wollen wir festhalten, welche Wahrheiten wir aus dieser Geschichte auch für unser Leben heute lernen können. Ich möchte vier Dinge nennen.
Das Erste ist: Gott wirkt souverän.
Obwohl Gott in diesem ganzen Buch kein einziges Mal erwähnt wird, sehen wir überall seine Spuren. Hinter den Kulissen fügt sich ein Ereignis zum anderen.
Esther wird Königin. Mordechai ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Später kann der König ausgerechnet in einer entscheidenden Nacht nicht schlafen. Er lässt sich die Chronik des Reiches vorlesen – und dabei stößt man ausgerechnet auf Mordechais bisher unbelohnte Tat.
Man könnte jedes einzelne Ereignis für einen Zufall halten. Aber wenn wir die ganze Geschichte betrachten, erkennen wir: Gott ist verborgen, aber er ist nicht abwesend. Er wirkt souverän und führt die Geschichte schließlich zur Rettung seines Volkes.
Esther tritt vor den König
Und wie geht die Geschichte weiter?
Esther wagt den Schritt und tritt ungerufen vor den König. Und tatsächlich: Der König streckt ihr das goldene Zepter entgegen. Esther darf leben.
Er fragt sie:
Was hast du, Esther, Königin? Was begehrst du? Es soll dir gewährt werden.
Esther bittet ihn daraufhin, zu einem Mahl zu kommen, das sie ihm bereiten möchte, gemeinsam mit Haman.
Der König kommt und Haman kommt. Bei diesem Essen fragt der König Esther noch einmal:
Was begehrst du, Königin Esther? Ich will es dir geben, auch wenn es die Hälfte von meinem Königreich ist.
Doch Esther fällt nicht sofort mit der Tür ins Haus. Sie lädt den König gemeinsam mit Haman zu einem Mahl ein. Dort fragt der König sie erneut nach ihrem Wunsch. Esther lädt ihn daraufhin zu einem zweiten Mahl ein.
Und bei diesem zweiten Mahl kommt der entscheidende Moment. Wieder fragt der König Esther, was sie von ihm begehrt.
Darauf antwortet Esther in Kapitel 7, Vers 3:
Habe ich Gnade vor dir gefunden, o König, und gefällt es dem König, so schenke mir das Leben um meiner Bitte willen und mein Volk um meines Begehrens willen, denn wir sind verkauft, ich und mein Volk, um vertilgt, erschlagen und umgebracht zu werden. Wenn wir nur zu Knechten und Mägden verkauft würden, so wollte ich schweigen, obwohl der Feind nicht imstande wäre, den Schaden des Königs zu ersetzen.
Empört fragt der König:
Wer ist es, der sich vorgenommen hat, das zu tun?
Und Esther offenbart ihm schließlich ihren Feind: Haman.
Haman erhält sein gerechtes Urteil
Der König ist erschrocken und empört. Er steht auf und geht in den Garten. Als er zurückkommt, lässt er Haman festnehmen. Schließlich wird Haman an genau dem Pfahl aufgehängt, den er für Mordechai vorbereitet hatte.
Was für eine Wendung: Haman hatte Mordechais Tod geplant – nun fällt sein eigener Plan auf ihn zurück.
Doch damit ist die Gefahr für die Juden noch nicht vorbei. Der ursprüngliche Erlass ist weiterhin in Kraft. Esther bittet den König deshalb erneut um Hilfe. Daraufhin erhalten Esther und Mordechai die Vollmacht, im Namen des Königs ein neues Schreiben aufzusetzen. Den Juden wird erlaubt, sich am festgesetzten Tag zu versammeln und ihr Leben zu verteidigen.
Und so geschieht es: Der Tag, der zur Vernichtung der Juden bestimmt war, wird zu einem Tag ihrer Rettung.
Wieder sehen wir das große Thema dieses Buches: Gott wird nicht genannt – aber er ist nicht abwesend. Hinter den Kulissen wirkt er souverän und bewahrt sein Volk.
Gott wirkt souverän – auch hinter den Kulissen
Das Erste, was wir also lernen, ist: Gott wirkt souverän – selbst hinter den Kulissen. Und deshalb können wir ihm auch heute vertrauen.
Vielleicht gibt es Situationen in deinem Leben, in denen du Gottes Handeln gerade nicht erkennen kannst. Du siehst nicht, was er tut oder wohin er dich führt. Das Buch Esther erinnert uns daran: Gottes Verborgenheit bedeutet nicht Gottes Abwesenheit. Auch wenn wir sein Handeln nicht sehen oder verstehen, bleibt er souverän und vertrauenswürdig.
Gottes souveränes Wirken und unsere Verantwortung
Der zweite Punkt ist: Gottes souveränes Wirken entbindet uns nicht von unserer Verantwortung zu handeln.
Das ist ein spannender Punkt, den wir im Buch Esther sehen. Esther riskiert ihr Leben. Sie nimmt die Verantwortung wahr, die mit ihrer besonderen Stellung als Königin verbunden ist. Sie schweigt nicht, sondern setzt ihre Stellung ein, um für ihr Volk einzutreten – obwohl sie weiß, dass es sie das Leben kosten könnte.
Das ist wichtig: Vertrauen auf Gottes Souveränität macht uns nicht passiv. Es gibt uns vielmehr die Freiheit, gehorsam und verantwortungsvoll zu handeln und den Ausgang Gott zu überlassen. Und manchmal bedeutet dieser Gehorsam, ein Risiko einzugehen.
In der Vorbereitung auf diese Predigt habe ich noch einmal in ein kleines Buch von John Piper hineingeschaut, das den Titel „Risk Is Right“ trägt. Piper beschäftigt sich darin mit der Frage, welche Rolle Risiko im Leben des Glaubens spielt.
Denn auch in der Bibel begegnen uns immer wieder Menschen, die Gott vertrauen und deshalb bereit sind zu handeln, obwohl sie nicht kontrollieren können, was dieses Handeln sie kosten wird.
Rückzug oder Risiko?
Ein Beispiel dafür finden wir, als das Volk Israel an der Grenze des verheißenen Landes stand. In 4. Mose 13 werden Kundschafter ausgesandt, um das Land Kanaan zu erkunden. Als sie zurückkommen, berichten sie von einem guten und fruchtbaren Land – aber auch von starken Völkern und befestigten Städten. Und plötzlich bestimmt die Angst das Denken des Volkes.
Dabei hatte Gott ihnen einen klaren Auftrag gegeben und ihnen dieses Land versprochen. Die entscheidende Frage war deshalb nicht einfach: Sind wir bereit, etwas zu riskieren? Die eigentliche Frage war: Vertrauen wir Gottes Wort und gehorchen wir ihm – auch wenn dieser Gehorsam gefährlich erscheint?
Doch das Volk weigert sich. Sie wollen nicht in das Land ziehen. In ihrer Angst wollen sie sogar lieber nach Ägypten zurückkehren. Und die Folgen sind tragisch: Gott lässt diese Generation nicht in das verheißene Land einziehen. Vierzig Jahre lang zieht Israel durch die Wüste, bis diese Generation gestorben ist. Ihr Problem war, dass ihre Angst größer war als ihr Vertrauen auf Gottes Wort.
Und genau hier müssen auch wir uns eine Frage stellen: Was geschieht, wenn der Gehorsam gegenüber Gott uns etwas kostet?
Die Not unserer Welt
Wir leben in einer Welt, in der nach Schätzungen der Weltbank für das Jahr 2025 rund 677 Millionen Menschen – also fast jeder zehnte Mensch auf dieser Welt – in extremer Armut leben. Das ist nur einer der ganz praktischen, materiellen Missstände in der Welt, in der wir leben. Doch neben dieser materiellen Armut gibt es eine gewaltige geistliche Not.
Wir leben in einer Welt, in der laut Joshua Project rund 3,6 Milliarden Menschen – mehr als vier von zehn Menschen weltweit – zu sogenannten unerreichten Volksgruppen gehören. Das bedeutet: In ihren Volksgruppen gibt es so wenige Christen und Gemeinden, dass die einheimische Gemeinde nicht stark genug ist, um die eigene Volksgruppe ohne Hilfe von außen mit dem Evangelium zu erreichen – mit der guten Botschaft von Jesus Christus.
Was für eine tragische Realität! Gleichzeitig hat Jesus seiner Gemeinde einen klaren Auftrag gegeben:
Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern […] und lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe. (Matthäus 28,19–20)
Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, kann uns Zeit kosten. Geld. Komfort. Unsere Pläne. Und für manche Christen auf dieser Welt sogar Sicherheit und Leben.
Deshalb stellt sich die Frage nicht: Wie können wir möglichst riskant leben?
Die Frage lautet: Sind wir bereit, Jesus gehorsam zu sein, auch wenn dieser Gehorsam uns etwas kostet?
Christus ist es wert
Der Missionar Jim Elliot, der sein Leben für die Verkündigung des Evangeliums einsetzte und dabei getötet wurde, schrieb einmal:
Es ist kein Narr, der das hergibt, was er nicht behalten kann, um das zu gewinnen, was er nicht verlieren kann.
Paulus sagt es in Philipper 1,20–21 so:
Entsprechend meiner festen Erwartung und Hoffnung, dass ich nicht zuschanden werde, sondern dass in aller Freimütigkeit, wie allezeit, so auch jetzt, Christus hochgepriesen wird an meinem Leib, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn für mich ist Christus das Leben und das Sterben ein Gewinn.
Wie kann Paulus so etwas sagen?
Weil Christus für ihn mehr wert ist als selbst sein eigenes Leben.
Paulus weiß: Wenn ich lebe, lebe ich für Christus. Und wenn ich sterbe, bin ich bei Christus. Deshalb kann er sagen: „Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn.“
Und damit stellt sich auch uns die Frage: Kannst du das sagen? Ist Christus tatsächlich dein größter Schatz? Oder hängt dein Herz an den Sicherheiten und Schätzen dieser Welt?
Jesus Christus ist es wert.
Deshalb verschwende dein Leben nicht mit Dingen, die am Ende keinen Bestand haben. Lebe für Christus. Sei ihm gehorsam. Setze die Gaben, Möglichkeiten und die Zeit, die er dir gegeben hat, für sein Reich ein – und überlasse den Ausgang ihm.
Gott lässt sein Volk durch Prüfungen gehen
Einen dritten Punkt können wir aus der Geschichte von Esther lernen: Gottes souveränes Handeln bedeutet nicht, dass sein Volk vor jeder Prüfung bewahrt bleibt.
Gott verhinderte nicht, dass Esther, Mordechai und das ganze jüdische Volk in diese lebensbedrohliche Situation gerieten. Und auch wir werden nicht vor jeder Not und jeder Prüfung bewahrt.
Aber genau hier gilt, was wir im Buch Esther gesehen haben: Gottes Verborgenheit bedeutet nicht Gottes Abwesenheit.
Auch wenn wir sein Handeln nicht erkennen und nicht verstehen, dürfen wir darauf vertrauen, dass er treu ist und seine Kinder nicht aus seiner Hand verliert.
Wir haben einen Fürsprecher vor dem Thron
Der vierte Punkt, den wir aus dieser Heldengeschichte von Esther lernen können, ist: Wir haben einen Fürsprecher vor dem Thron.
Esther trat vor den König und setzte sich für ihr bedrohtes Volk ein. Sie riskierte dabei ihr eigenes Leben. Auch wir brauchen jemanden, der für uns eintritt. Denn unser eigentliches Problem ist noch tiefer: Wir sind Sünder und stehen aus uns selbst unter Gottes gerechtem Gericht.
Doch Gott hat uns nicht uns selbst überlassen.
Jesus Christus kam in diese Welt und gab sein Leben für uns. Am Kreuz trug er stellvertretend unsere Schuld und nahm das Gericht auf sich, das wir verdient hatten. Dort hat er unsere Rettung vollbracht.
Und dieser Jesus ist auferstanden. Er lebt. Und die Bibel sagt uns, dass er jetzt für die Seinen eintritt.
Unsere Rettung hängt nicht daran, dass wir heldenhaft genug sind. Sie hängt an Jesus Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist und für die Seinen eintritt.
Hamans Plan scheitert – Gottes Plan erfüllt sich
Und damit kommen wir noch einmal zurück zur großen Geschichte des Buches Esther.
Haman wollte das jüdische Volk vernichten. Doch er konnte Gottes Plan nicht zunichtemachen.
Denn Jahrhunderte zuvor hatte Gott Abraham versprochen, dass durch seinen Nachkommen alle Nationen der Erde gesegnet werden sollten.
Und deshalb geht es bei der Rettung im Buch Esther um mehr als nur um Esther und Mordechai. Gott bewahrt sein Volk – und durch dieses Volk führt er seine große Rettungsgeschichte weiter.
Jahrhunderte später kommt Jesus Christus, der verheißene Nachkomme Abrahams.
Haman wollte vernichten.
Gott aber bewahrte.
Esther war bereit, ihr Leben für ihr Volk aufs Spiel zu setzen.
Jesus Christus ging noch weiter: Er gab sein Leben tatsächlich hin, um Sünder zu retten.
Deshalb können wir ihm vertrauen. Und deshalb können wir den Ausgang ihm überlassen.


