„Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung. Gegen solche Dinge gibt es kein Gesetz.“
Galater 5,22–23

Wenn wir über die Frucht des Geistes sprechen, müssen wir uns immer wieder daran erinnern: Diese Frucht ist das Wirken des Heiligen Geistes in uns. Der Heilige Geist ist die Quelle. Ohne die Verbindung zu Jesus, dem Weinstock, können wir keine Frucht bringen. Gleichzeitig will Gott uns immer mehr in das Ebenbild seines Sohnes umformen.

Paulus schreibt:

dass der, welcher in euch ein gutes Werk angefangen hat, es auch vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi. (Philipper 1,6)

Ein Kapitel später schreibt er aber auch:

verwirklicht eure Rettung mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt nach seinem Wohlgefallen. (Philipper 2,12–13)

Beides gehört zusammen. Gott wirkt in uns – und deshalb bleiben wir dran. Wir geben nicht auf. Geistliche Frucht wächst, und Wachstum braucht Zeit. Aber Gott ist am Werk.

Heute geht es um eine dieser Früchte: Treue.

In Galater 5,22 steht dafür das griechische Wort pistis. Dieses Wort kann je nach Zusammenhang Glaube, Vertrauen oder auch Treue und Zuverlässigkeit bezeichnen. Hier, in der Aufzählung der Frucht des Geistes, geht es um diese Treue: um einen Charakter, der verlässlich ist und Gott die Loyalität hält.

1. Unsere Treue ist Ausdruck der Treue Jesu zu uns

Als ich über Treue nachgedacht habe, musste ich an Polykarp von Smyrna denken. Polykarp war Bischof der Gemeinde in Smyrna und starb im zweiten Jahrhundert als Märtyrer.

Der Bericht über sein Martyrium erzählt, wie der römische Prokonsul ihn dazu bringen wollte, Christus zu verleugnen. Polykarp sollte schwören und Christus verleugnen, um sein Leben zu retten. Seine berühmte Antwort lautet sinngemäß: Seit 86 Jahren diene er Christus, und Christus habe ihm kein Unrecht getan. Wie könne er nun seinen König und Retter verleugnen? Polykarp blieb Jesus bis zum Tod treu.

Das ist ein eindrückliches Beispiel für Glaubenstreue. Aber entscheidend ist, wie Polykarp selbst seine Treue begründet: Wie könnte ich Christus verleugnen, der mir treu gewesen ist?

Treue im Leben eines Christen ist Ausdruck der Treue Jesu uns gegenüber.

Unsere Treue beginnt nicht bei uns. Sie beginnt bei Gott. Seine Treue ist das Fundament, auf dem unser Glaube und unser Leben als Christen stehen. In 2. Thessalonicher wird uns diese Zusage gegeben:

Aber der Herr ist treu; er wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen. (2. Thessalonicher 3,3)

In Hebräerbrief werden wir ermutigt, an unserer Hoffnung festzuhalten:

Lasst uns festhalten am Bekenntnis der Hoffnung, ohne zu wanken — denn er ist treu, der die Verheißung gegeben hat (Hebräer 10,23)

Unsere Hoffnung gründet sich nicht auf unsere eigene Kraft oder Beständigkeit, sondern auf die Treue Gottes. Gott steht zu seinem Wort. Was er verspricht, das hält er.

Auch Psalm 33,4 macht diese Eigenschaft Gottes deutlich:

Denn das Wort des HERRN ist wahrhaftig, und all sein Tun ist Treue. (Psalm 33,4)

Gott ist treu – nicht nur in dem, was er sagt, sondern auch in allem, was er tut. Seine Treue gehört zu seinem Wesen. Er bleibt zuverlässig und wahrhaftig, unabhängig von den Umständen, in denen wir uns befinden.

Und wenn wir auf Jesus schauen, erkennen wir diese Treue auf besondere Weise. Sein ganzes Leben war geprägt von der Hingabe an den Willen seines Vaters. Er blieb seinem Auftrag treu, selbst als dieser Weg ihn bis ans Kreuz führte.

In der Offenbarung wird Jesus deshalb als der „Treue und Wahrhaftige“ bezeichnet:

Und ich sah den Himmel geöffnet, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, heißt »Der Treue und der Wahrhaftige«; und in Gerechtigkeit richtet und kämpft er. (Offenbarung 19,11)

Als Christen stehen wir auf diesem Fundament: auf der Treue Jesu zu uns.

Er hat für uns vollbracht, was wir selbst nicht vollbringen konnten. Und selbst dann, wenn wir untreu werden, Fehler machen oder in Sünde fallen, dürfen wir zu ihm zurückkommen. Denn Gottes Treue zeigt sich auch in seiner Bereitschaft, uns zu vergeben. Das lesen wir in 1. Johannes:

Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. (1. Johannes 1,9)

Was für eine wunderbare Zusage: Wir dürfen unsere Schuld vor Gott bringen und auf seine Vergebung vertrauen. Jesus ist gnädig und barmherzig mit uns. Diese unverdiente Treue ist unser Fundament.

Und genau das soll sich nun in unserem Leben zeigen.

Wie gehen wir miteinander um – in der Gemeinde, in unseren Familien, mit unseren Glaubensgeschwistern und auch mit Menschen, die Jesus nicht kennen? Sagen wir die Wahrheit? Sind wir verlässlich? Halten wir unser Wort? Sind wir bereit, einander zu vergeben, so wie Christus uns vergeben hat?

Christliche Treue ist nicht zuerst der Stolz darauf, dass ich ein besonders zuverlässiger Mensch bin. Sie ist eine Antwort auf die Treue, die ich selbst von Jesus empfangen habe.

2. Treue beginnt im Kleinen

Jesus sagt in Lukas 16,10:

„Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu.“

Im unmittelbaren Zusammenhang spricht Jesus über den Umgang mit Besitz. Das zeigt uns bereits etwas Wichtiges: Treue ist nicht nur eine Sache großer geistlicher Entscheidungen. Sie zeigt sich im gewöhnlichen Leben.

Wie zeigt sich Treue im Alltag?

Wie gehen wir mit dem um, was Gott uns anvertraut hat?

Sind wir treue Verwalter unserer materiellen Ressourcen? Gehen wir im Beruf aufrichtig mit Geld und anderen Dingen um, für die wir Verantwortung tragen? Dienen wir in der Gemeinde treu mit unserer Zeit und mit den Gaben, die Gott uns gegeben hat?

Und denken wir dabei nicht immer nur an die Zukunft.

Vielleicht denken wir manchmal: Eines Tages, wenn Gott mir eine wirklich wichtige Aufgabe gibt, dann werde ich treu sein. Wenn ich einmal mehr Verantwortung habe. Wenn ich eine größere Aufgabe bekomme. Wenn meine eigentliche Berufung beginnt.

Aber die Frage ist: Wo hat Gott dich heute hingestellt? Was hat er dir jetzt anvertraut?

Sei dort treu.

Wir sollten unser Leben nicht einfach danach beurteilen, wie erfolgreich wir in den Augen der Welt erscheinen. Sichtbarer Erfolg ist nicht der letzte Maßstab. Entscheidend ist, ob wir Gott an dem Ort treu sind, an den er uns gestellt hat.

Darum ist Polykarp nicht nur wegen seines letzten Tages interessant. Seine Treue bestand nicht erst in dem Moment, in dem er vor dem Prokonsul stand. Er hatte Christus über viele Jahrzehnte gedient. Die große Entscheidung am Ende seines Lebens stand nicht losgelöst von einem Leben der Treue.

Treue wächst im Kleinen.

Das erinnert auch an das Gleichnis von den anvertrauten Talenten. In Matthäus 25,21 sagt der Herr zu seinem Knecht:

„Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn!“

Das wünsche ich mir für mein Leben: dass Jesus am Ende sagen kann, dass ich treu gewesen bin.

Treue ist deshalb auch eine wichtige Charaktereigenschaft bei Menschen, denen Verantwortung übertragen wird. Nicht nur Begabung zählt. Nicht nur das, was jemand besonders gut kann. Charakter zählt. Zuverlässigkeit zählt.

Das gilt in der Gemeinde. Es gilt im Beruf. Es gilt in unseren Beziehungen.

Daniel ist dafür ein gutes Beispiel. Er lebte in Babylon, in einer Umgebung, deren Werte nicht einfach seinen eigenen entsprachen. Und trotzdem zeigte sich seine Treue auch darin, wie er seine ganz normalen Aufgaben erfüllte.

In Daniel 6 wird berichtet, dass seine Gegner nach einem Grund suchten, ihn wegen seiner Amtsführung anzuklagen. Aber sie fanden nichts,

„weil er treu war und keine Nachlässigkeit noch irgendein Vergehen bei ihm gefunden werden konnte.“ (Daniel 6,5)

Daniel war integer. Was er sagte und was er tat, passte zusammen.

So sollte es auch bei uns sein. Als Christen sollten wir zuverlässig sein. Wir sollten unsere Arbeit nicht einfach tun, um Menschen zu gefallen, sondern letztlich für Gott. Treue sollte etwas sein, das an unserem Leben erkennbar wird.

Auch in unseren engsten Beziehungen zeigt sich Treue. Ein Bund der Treue bedeutet, nicht nur dann zu bleiben, wenn alles leicht ist. Treue trägt Beziehungen über Zeit.

Ich habe das im Leben meines Schwiegeropas gesehen, den ich kurz vor dieser Predigt beerdigen durfte. Er wurde 90 Jahre alt und war 65 Jahre verheiratet. Die Ehe war nicht immer leicht. Aber gerade im Alter war zwischen ihm und seiner Frau eine neue tiefe Liebe und Verbundenheit sichtbar geworden.

Treue bedeutet, nicht müde zu werden – und eines Tages auch die Frucht davon zu sehen.

Darum: Treue beginnt im Kleinen. Richtig bleibt richtig und falsch bleibt falsch – in den unscheinbaren Dingen genauso wie in den großen.

3. Unsere Treue steht und fällt mit unserer Treue zu Gott

Damit kommen wir zum dritten Punkt: Unsere Treue in den verschiedenen Bereichen unseres Lebens steht und fällt letztlich mit unserer Treue Gott gegenüber.

Jeremia 17 stellt zwei Menschen gegenüber. Der eine vertraut auf Menschen und wendet sein Herz vom Herrn ab. Er wird mit einem Strauch in trockenem Land verglichen. Dann heißt es:

„Gesegnet ist der Mann, der auf den HERRN vertraut und dessen Zuversicht der HERR geworden ist! Denn er wird sein wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und seine Wurzeln am Bach ausstreckt, der die Hitze nicht fürchtet, wenn sie kommt, sondern seine Blätter bleiben grün; auch in einem dürren Jahr braucht er sich nicht zu sorgen, und er hört nicht auf, Frucht zu bringen.“ (Jeremia 17,7-8)

Unsere Treue in Beziehungen, im Beruf, in der Gemeinde und in allen anderen Lebensbereichen hängt mit unserer Treue zu Gott zusammen – mit unserem Vertrauen auf ihn und mit unserer Ausrichtung an seinem offenbarten Willen.

Darum ist Ehrfurcht vor Gott so wichtig.

Wir sehen das auch bei Joseph. Als Potifars Frau ihn verführen wollte, dachte Joseph nicht nur an Potifar, obwohl er wusste, dass sein Herr ihm vertraute. Seine entscheidende Frage lautete:

Wie sollte ich nun eine so große Missetat begehen und gegen Gott sündigen? (1. Mose 39,9)

Seine Loyalität gegenüber Gott bestimmte seine Entscheidung. Dasselbe sehen wir bei Daniel. Er war ein treuer Arbeiter in Babylon. Aber seine Treue gegenüber Babylon hatte eine Grenze: seine Treue gegenüber Gott. Das ist entscheidend.

Daniel konnte mitten in einer fremden Kultur Verantwortung übernehmen und seine Arbeit gewissenhaft tun. Aber wenn die Erwartungen seiner Umgebung mit seiner Loyalität zu Gott kollidierten, wusste er, wem seine höchste Treue gehörte.

Genau darin wird die Frucht der Treue sichtbar.

Wir leben ebenfalls in einer Welt, deren Werte und Maßstäbe nicht immer mit Gottes Willen übereinstimmen. Die Antwort darauf ist nicht, unsere gewöhnlichen Aufgaben geringzuschätzen oder uns aus der Welt zurückzuziehen. Gerade dort, wo Gott uns hingestellt hat, sollen wir treu leben.

Aber unsere letzte Loyalität gehört Jesus.

Wie können wir Gott treu bleiben?

Darum müssen wir an ihm bleiben. Jesus sagt in Johannes 15, dass die Rebe nur Frucht bringen kann, wenn sie am Weinstock bleibt. Wenn die Frucht der Treue in unserem Leben sichtbar werden soll, brauchen wir diese Verbindung zu Christus.

Paulus schreibt:

Trachtet nach dem, was droben ist (Kolosser 3,2)

also wo Christus ist. Und Johannes warnt  davor, „die Welt“ zu lieben:

Wenn jemand die Welt lieb hat, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm. (1. Johannes 2,15)

Also jene Ordnung von Begierden, Stolz und Selbstgenügsamkeit, die sich gegen Gott richtet.

Das ist eine reale Gefahr. Gerade wenn das Leben bequem ist, können die Werte unserer Umgebung unser Denken unmerklich bestimmen.

Darum müssen wir immer wieder neu fragen: Wem gilt meine tiefste Loyalität?

Polykarp musste diese Frage am Ende seines Lebens in einer dramatischen Situation beantworten. Bei uns wird sie sich vielleicht viel häufiger in kleinen, unscheinbaren Entscheidungen stellen. Aber es ist dieselbe Treue.

Bleib treu

Darum möchte ich diese drei Gedanken noch einmal zusammenfassen.

Erstens: Treue im Leben eines Christen ist Ausdruck der Treue Jesu zu uns. Das ist unser Fundament. Wir beginnen nicht mit unserer eigenen Zuverlässigkeit, sondern mit einem treuen Gott.

Zweitens: Treue beginnt im Kleinen. Sei dort treu, wo Gott dich heute hingestellt hat, und mit dem, was er dir heute anvertraut hat.

Drittens: Bleib Gott treu. Bleib an Jesus. Denn aus dieser Beziehung zu ihm wächst die Treue, die sich dann in den anderen Bereichen unseres Lebens zeigt.

Wir können diese Frucht nicht aus eigener Kraft herstellen. Jesus ist treu. Gott hat seinen Heiligen Geist in uns gegeben, der uns von innen heraus verändert. Es ist ein Werk seiner Gnade. Und gleichzeitig ruft er uns dazu, tatsächlich treu zu leben.

Darum bete ich, dass wir Christen sind, die Jesus treu bleiben; dass unser Herz eng mit ihm verbunden bleibt und aus dieser Beziehung alles andere wächst.

Danke, Jesus, dass du treu bist und dass wir darauf stehen dürfen.