Liebe – Die Frucht des Geistes

In Galater 5 fordert Paulus uns auf: „Wandelt im Geist.“ Dann stellt er zwei unterschiedliche Lebensweisen einander gegenüber. Auf der einen Seite stehen die Werke des Fleisches, auf der anderen Seite die Frucht des Geistes:

„Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung.“
(Galater 5,22–23)

Der Heilige Geist möchte an unserem Charakter arbeiten. Gott rettet uns nicht nur durch das Werk Jesu Christi, sondern er verändert uns auch. Diese Heiligung geschieht nicht von heute auf morgen. Es ist ein Prozess, in dem Gott uns Schritt für Schritt verändert und uns Christus ähnlicher macht.

Paulus beschreibt diesen Gedanken in 2. Korinther 3,18: Wir werden in das Bild des Herrn verwandelt, und diese Veränderung geschieht durch den Geist des Herrn. Genau darum geht es auch bei der Frucht des Geistes. Sie ist nicht einfach eine Liste von Eigenschaften, die wir aus eigener Kraft hervorbringen sollen. Der Heilige Geist wirkt in uns und verändert unseren Charakter. Gleichzeitig ruft Paulus uns dazu auf, im Geist zu wandeln. Wir sollen uns Gottes Wirken nicht entziehen, sondern unser Leben von seinem Geist prägen lassen.

Wenn wir nun Galater 5,22 betrachten, steht an erster Stelle: Liebe. Im Griechischen steht hier das Wort agapē. Und mit dieser Liebe wollen wir uns genauer beschäftigen.

Was bedeutet Agape?

Wir verwenden das deutsche Wort „Liebe“ für sehr unterschiedliche Dinge. Jemand kann sagen: „Ich liebe Pommes“, und im nächsten Satz: „Ich liebe meine Frau.“ Dasselbe Wort bezeichnet offensichtlich nicht dieselbe Art von Beziehung.

Auch das Griechische kennt unterschiedliche Wörter, die verschiedene Aspekte von Liebe und Zuneigung ausdrücken können. Dazu gehören etwa philia für freundschaftliche Zuneigung, eros für leidenschaftliche oder romantische Liebe und storgē für familiäre Zuneigung. Im Neuen Testament begegnet uns besonders agapē beziehungsweise das dazugehörige Verb agapaō.

Dabei müssen wir mit einer verbreiteten Vereinfachung aufpassen. Manchmal hört man: „Agape ist göttliche Liebe.“ Das trifft nicht ohne Weiteres zu. Entscheidend ist nicht allein, dass dieses griechische Wort verwendet wird. Wir müssen auch fragen: Worauf richtet sich diese Liebe? Und welchen Charakter hat sie?

Denn Liebe ist nicht automatisch gut, nur weil sie intensiv oder sogar opferbereit ist.

Entscheidend ist, was wir lieben

In 1. Johannes 2,15 lesen wir:

„Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm.“

Interessanterweise verwendet Johannes hier das griechische Wort agapao, das zur selben Wortfamilie wie agape gehört. Doch hier beschreibt es eine Liebe, die sich auf das Falsche richtet. Johannes warnt uns ausdrücklich davor, unser Herz an die Welt zu hängen.

Jakobus 4,4 drückt einen verwandten Gedanken mit dem Begriff der Freundschaft aus:

„Wisst ihr nicht, dass die Freundschaft mit der Welt Feindschaft gegen Gott ist?“

Das ist wichtig. Woran hängt unser Herz? Wem gilt unsere tiefste Zuneigung und Verbundenheit – Gott oder der Welt?

Einen besonders starken Gegensatz sehen wir in Johannes 3. In Vers 16 heißt es:

„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“

Gott liebt die Welt und gibt seinen Sohn. Nur wenige Verse später, in Johannes 3,19, lesen wir aber von Menschen, die „die Finsternis mehr als das Licht“ liebten, weil ihre Werke böse waren.

In beiden Versen wird im Griechischen dasselbe Wort für „lieben“ verwendet: agapao. Doch wie unterschiedlich ist das, was hier geliebt wird! Auf der einen Seite steht Gottes Liebe zur verlorenen Welt, die sich in der Hingabe seines Sohnes zeigt. Auf der anderen Seite steht die Liebe des Menschen zur Finsternis, die ihn vom Licht fernhält.

Diese Frage sollten wir auch an unser eigenes Leben stellen: Was liebe ich? Wonach richtet sich mein Herz? Wofür bin ich bereit, Zeit, Kraft und Opfer zu bringen?

Wir haben also gesehen: Das griechische Wort Agape bezeichnet nicht automatisch eine göttliche oder selbstlose Liebe. Es kommt darauf an, worauf sich diese Liebe richtet und wie sie sich zeigt.

Wenn Paulus nun in Galater 5,22 die Liebe als Frucht des Geistes bezeichnet, meint er nicht irgendeine Form von Liebe. Er spricht von einer Liebe, die durch den Heiligen Geist geprägt wird und dem Wesen und Willen Gottes entspricht.

Doch wie sieht eine solche Liebe konkret aus? Welche Eigenschaften zeichnen sie aus? Und woran können wir sie erkennen?

Wie sieht die Agape-Liebe aus, die Gott gefällt?

Eine eindrückliche Beschreibung finden wir in 1. Korinther 13,4–7:

„Die Liebe ist langmütig und gütig, die Liebe beneidet nicht, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie ist nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht an der Ungerechtigkeit; sie freut sich aber an der Wahrheit. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.“

Hier sehen wir den Charakter dieser Agape-Liebe. Sie kreist nicht um sich selbst. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil. Sie freut sich nicht über Ungerechtigkeit, sondern über die Wahrheit. Sie ist geduldig und bereit zu tragen und auszuhalten.

Wenn wir diese Verse lesen und sie ehrlich auf unser eigenes Leben anwenden, merken wir schnell, wie hoch dieser Maßstab ist.

Vielleicht reagieren wir darauf zunächst mit der Frage: Wie kann ich mich genügend anstrengen, um so zu lieben?

Aber genau hier müssen wir wieder zu Galater 5 zurückkehren. Paulus spricht von der Frucht des Geistes. Christliche Liebe ist nicht einfach das Ergebnis davon, dass wir uns vornehmen, ab heute netter oder liebevoller zu sein. Gott möchte unseren Charakter verändern. Sein Geist wirkt in uns, und wir sind gerufen, im Geist zu wandeln und dieser Veränderung Raum zu geben.

Es geht also nicht um Passivität. Jesus gebietet uns tatsächlich zu lieben. Aber diese Liebe soll aus einem Leben wachsen, das vom Heiligen Geist verändert wird.

Wie aber kann eine solche Liebe in unserem Leben wachsen?

Paulus erinnert uns in Römer 5,5 daran:

„Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist.“

Paulus spricht hier zunächst von der Liebe, die Gott uns erwiesen hat. Diese Liebe hat ihren deutlichsten Ausdruck darin gefunden, dass Christus für uns gestorben ist.

Und genau diese Liebe Gottes bildet die Grundlage für unsere Liebe zu ihm und zu anderen Menschen.

Christliche Liebe beginnt also nicht damit, dass wir aus eigener Kraft versuchen, das Vorbild Jesu nachzuahmen. Sie wächst aus dem, was Gott an uns getan hat und weiterhin durch seinen Geist in uns wirkt.

Der Heilige Geist verändert unser Herz, unsere Einstellungen und unsere Wünsche. Er richtet unseren Blick immer wieder auf Christus und befähigt uns, zunehmend so zu lieben, wie Jesus uns geliebt hat.

Jesus zeigt uns, wie diese Liebe aussieht

Den deutlichsten Maßstab für diese Liebe finden wir nicht in einer abstrakten Definition, sondern in Jesus Christus.

Jesus sagt in Johannes 15,13:

„Größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“

Auch hier steht im griechischen Grundtext das Wort Agape. Und Jesus beschreibt diese Liebe nicht nur mit Worten, sondern macht sie durch sein eigenes Leben sichtbar. Was er hier sagt, hat er selbst getan: Er hat sein Leben für uns hingegeben.

Hier erkennen wir einen entscheidenden Wesenszug der Agape-Liebe, wie Jesus sie uns vorgelebt hat: Sie ist selbstlos, hingebungsvoll und bereit, für den anderen einen Preis zu bezahlen. Diese Liebe fragt nicht: „Was habe ich davon?“, sondern: „Was kann ich für den anderen geben?“

Wie kostspielig dieser Weg für Jesus war, sehen wir im Garten Gethsemane. In Matthäus 26,39 betet er:

„Mein Vater! Ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“

Sein Gebet macht deutlich, dass diese Hingabe für ihn keineswegs leicht war. Und dennoch war er bereit, den Willen seines Vaters zu erfüllen und den Weg bis zum Kreuz zu gehen.

Hier erkennen wir einen wichtigen Wesenszug der Liebe, die Jesus uns vorgelebt hat: Sie bleibt nicht bei Worten oder Gefühlen stehen, sondern ist bereit, sich hinzugeben – selbst dann, wenn diese Hingabe einen hohen Preis fordert.

Liebe Gott und deinen Nächsten

In Matthäus 22 wird Jesus gefragt, welches das größte Gebot sei. Seine Antwort lautet:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das erste und größte Gebot. Und das zweite ist ihm vergleichbar: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Jesus zeigt uns hier, worauf sich unsere Agape-Liebe richten soll: zuerst auf Gott und dann auf unseren Nächsten.

Unsere Liebe zu Gott soll sich nicht nur auf einzelne Bereiche unseres Lebens beschränken. Jesus spricht von unserem ganzen Herzen, unserer ganzen Seele und unserem ganzen Denken. Wir müssen diese Begriffe nicht künstlich voneinander trennen. Entscheidend ist die Botschaft dahinter: Gott möchte nicht nur einen Teil unseres Herzens. Er beansprucht unsere ungeteilte Liebe.

Doch Jesus bleibt nicht bei der Liebe zu Gott stehen. Er verbindet sie unmittelbar mit einem zweiten Gebot: der Liebe zu unserem Nächsten.

Wahre Agape-Liebe erschöpft sich also nicht in unserer persönlichen Beziehung zu Gott. Sie wird auch darin sichtbar, wie wir mit anderen Menschen umgehen, wie wir ihnen begegnen und wie wir für sie da sind.

Darum dürfen wir bei der Frucht des Geistes nicht nur abstrakt fragen: „Bin ich ein liebevoller Mensch?“ Die konkretere Frage lautet: Liebe ich Gott? Liebe ich meinen Nächsten? Und wird diese Liebe in meinem Leben sichtbar?

„Wie ich euch geliebt habe“

Noch konkreter wird Jesus in Johannes 13,34–35:

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“

Hier liegt die Betonung auf einem entscheidenden Satz:

„Wie ich euch geliebt habe.“

Jesus sagt nicht nur: Liebt einander. Er stellt seine eigene Liebe als Maßstab vor uns.

Wie sollen wir lieben? Wie Jesus uns geliebt hat.

Das ist eine große Aufgabe. Denn wir haben gesehen, wie Jesus geliebt hat. Seine Liebe war nicht nur ein angenehmes Gefühl. Sie war geduldig. Sie suchte nicht das Ihre. Sie diente. Sie gehorchte dem Vater. Und schließlich gab Jesus sein Leben.

Genau deshalb brauchen wir den Heiligen Geist.

Die Liebe, zu der Jesus seine Jünger ruft, lässt sich nicht einfach durch menschliche Willenskraft herstellen. Der Geist Gottes muss unseren Charakter verändern. Er bringt diese Frucht in unserem Leben hervor, während wir im Geist wandeln und lernen, Jesus zu gehorchen.

Und diese Liebe soll sichtbar werden.

Jesus sagt, dass andere daran erkennen sollen, dass wir seine Jünger sind. Nicht zuerst an einem besonders ausgefeilten theologischen Verständnis. Auch nicht daran, dass wir nach außen ein beeindruckendes religiöses Bild abgeben. Jesus lenkt hier den Blick darauf, wie seine Jünger miteinander umgehen.

Wie behandeln wir unsere Brüder und Schwestern im Glauben?

Ist dort etwas von der Liebe Jesu zu erkennen?

Sind wir bereit, nicht nur dann zu lieben, wenn es leichtfällt oder wenn uns jemand sympathisch ist? Sind wir bereit, für den anderen einen Preis zu bezahlen? Können andere an unserem Umgang miteinander etwas davon erkennen, wie Christus uns geliebt hat?

Agape-Liebe als Frucht des Geistes

Das bringt uns zurück zum Ausgangspunkt: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe.“

Die Agape-Liebe, die Paulus als Frucht des Geistes beschreibt, ist mehr als natürliche Sympathie und mehr als ein starkes Gefühl. Sie wird nicht allein dadurch gut, dass sie intensiv oder opferbereit ist. Entscheidend ist, worauf sie sich richtet und welchen Charakter sie trägt.

Der Heilige Geist bringt in uns eine Liebe hervor, die sich an Gottes Willen und am Vorbild Jesu Christi orientiert. Eine Liebe, die Gott und den Nächsten liebt und bereit ist, sich für andere hinzugeben.

Darum sollten wir uns fragen:

Was liebe ich?

Worauf richten sich meine Sehnsüchte, meine Gedanken und meine Kraft?

Wie behandle ich die Menschen um mich herum – besonders meine Brüder und Schwestern im Glauben?

Und vor allem:

Wird in meiner Liebe etwas von der Liebe Jesu sichtbar?

Wir werden dieses Ziel nicht dadurch erreichen, dass wir uns lediglich vornehmen, uns noch mehr anzustrengen. Gott selbst möchte uns verändern. Aber wir sind gerufen, im Geist zu wandeln, ihm zu gehorchen und diese Liebe konkret zu leben.

Bitten wir den Herrn darum, dass er uns durch seinen Heiligen Geist immer mehr in sein Bild verwandelt und dass diese Agape-Liebe immer deutlicher in unserem Leben sichtbar wird.

Teile dies

About the Author: Marc Haunschild

1977 in Marburg geboren, bin ich in der Evangelischen Kirche Gladenbach christlich aufgewachsen. Für mein Studium und die Promotion in Technischer Informatik zog ich nach Siegen, wo mein Glaube in der Calvary Chapel neue Tiefe gewann. Dort lernte ich auch meine Frau Susanna kennen, mit der ich seit 2002 verheiratet bin. Wir haben vier Kinder. Beruflich leite ich ein Team von Softwareprojektleitern im Bereich Medizintechnik. Seit 2008 diene ich als Ältester in der Gemeinde.