- Warum hassten Josephs Brüder ihn?
- Warum wurde Joseph nach Ägypten verkauft?
- Joseph im Haus Potiphars
- Wie widerstand Joseph der Frau Potiphars?
- Warum kam Joseph ins Gefängnis?
- Joseph im Gefängnis – Gottes Vorsehung
- Was bedeuten die Träume des Pharao?
- Die Träume des Pharao
- Inwiefern weist Joseph auf Jesus Christus hin?
Diese Predigt besteht aus zwei Teilen.
In Teil 1 betrachten wir Josephs Weg vom Brunnen bis zu seiner Erhöhung in Ägypten.
Im zweiten Teil über Joseph, Schuld und Versöhnung
geht es um das Wiedersehen mit seinen Brüdern, ihre Umkehr und Josephs Vergebung.
Joseph – vom Brunnen zum Palast
Jetzt kommen wir zu einer der längsten und bewegendsten Heldengeschichten der Bibel: der Geschichte von Joseph.
Und in gewisser Weise begegnen uns hier viele der Themen wieder, die wir bisher gesehen haben.
Wie Daniel wird Joseph herausgefordert, Gott in einer fremden und gottlosen Umgebung treu zu bleiben. Wie bei Esther scheint Gott zeitweise verborgen zu sein – und doch lenkt er im Hintergrund jedes Detail. Und wie bei David gebraucht Gott schließlich einen Einzelnen, um durch ihn viele andere zu retten.
Aber Josephs Geschichte hat eine Besonderheit: Sie zeigt uns Gottes Handeln nicht nur in einem entscheidenden Augenblick, sondern über viele Jahre hinweg.
Ein junger Mann wird von seinen eigenen Brüdern gehasst und als Sklave verkauft. In Ägypten wird er zu Unrecht beschuldigt und landet im Gefängnis. Doch Joseph bleibt Gott treu. Schließlich wird aus dem Gefangenen der zweitmächtigste Mann Ägyptens.
Vom Brunnen zu Potiphar, von Potiphar ins Gefängnis und schließlich vom Gefängnis in den Palast – während Joseph kaum erkennen kann, wohin sein Weg führt, ist Gott die ganze Zeit am Werk.
Doch wer ist eigentlich der Held dieser Geschichte?
Joseph ist alles andere als perfekt. Am Anfang begegnet uns ein junger Mann, der noch einiges lernen muss. Und später sehen wir einen Joseph, der Versuchungen widersteht, an seiner Integrität festhält, seinen Brüdern vergibt und trotz vieler Enttäuschungen nicht bitter wird.
Aber hinter all dem zieht sich ein noch größerer Gedanke durch seine Geschichte: Gottes Vorsehung.
Während Joseph im Brunnen sitzt, als Sklave verkauft wird, im Haus Potiphars dient und schließlich unschuldig im Gefängnis landet, sieht es immer wieder so aus, als würde alles gegen ihn laufen. Doch die ganze Zeit ist Gott am Werk. Was wie eine Reihe von Enttäuschungen und Rückschlägen aussieht, gebraucht Gott, um Joseph genau an den Platz zu bringen, an dem er ihn haben will.
Am Ende kann Joseph deshalb zu seinen Brüdern sagen:
nicht ihr habt mich hierher gesandt, sondern Gott (1. Mose 45,8)
Und noch etwas werden wir in Josephs Geschichte entdecken: Immer wieder finden wir erstaunliche Parallelen zu Jesus Christus. Joseph wird von seinen Brüdern verworfen, erniedrigt und schließlich erhöht. Er wird zum Retter für diejenigen, die ihn verworfen haben, und vergibt seinen Brüdern ihre Schuld.
Deshalb wollen wir uns bei dieser Heldengeschichte nicht nur fragen, was wir von Joseph lernen können. Wir wollen vor allem entdecken, wie Gott hinter den Kulissen handelt, wie seine Vorsehung selbst durch schwierige und schmerzhafte Umstände hindurch zum Ziel kommt – und wie Josephs Geschichte unseren Blick auf Jesus Christus richtet.
Warum hassten Josephs Brüder ihn?
Dies ist die Geschichte Jakobs: Joseph war 17 Jahre alt, als er mit seinen Brüdern das Vieh hütete (1. Mose 37,2)
Die Geschichte beginnt beim Stammesvater Jakob. Gott hatte ihm vorher schon einen neuen Namen gegeben:
Und Gott sprach zu ihm: Dein Name ist Jakob, aber du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel soll dein Name sein! (1. Mose 35,10)
In den nächsten Kapiteln werden aber beide Namen für ihn verwendet. Daher ist wichtig zu verstehen, Jakob und Israel sind dieselbe Person. In unserem Text nennen wir ihn durchgängig Jakob.
Die Geschichte von Joseph beginnt mit einem tiefen Konflikt in seiner eigenen Familie.
Israel aber hatte Joseph lieber als alle seine Söhne, weil er ihn in seinem Alter bekommen hatte; und er hatte ihm einen bunten Leibrock machen lassen. Als nun seine Brüder sahen, dass ihr Vater ihn lieber hatte als alle seine Brüder, hassten sie ihn und wollten ihn nicht mehr mit dem Friedensgruß grüßen. (1. Mose 37,3-4)
Jakob hatte einen Lieblingssohn: Joseph. Er ließ ihm einen bunten Leibrock anfertigen – ein Zeichen besonderer Gunst und Bevorzugung. Eine Übersetzung beschreibt es als ein langärmeliges Gewand, also als Kleidung eines Landbesitzers. Gewöhnliche Arbeiter trugen kurze Ärmel, Joseph dagegen lange. Jedes Mal, wenn seine Brüder ihn in diesem besonderen Gewand sahen, wuchs ihr Hass. Bitterkeit braute sich zusammen und war kurz davor, überzukochen.
An dieser Stelle dürfen wir nicht nur auf den Hass der Brüder schauen. Auch Jakobs Verhalten als Vater ist problematisch. Durch seine offensichtliche Bevorzugung Josephs trägt er dazu bei, dass sich der Konflikt innerhalb der Familie weiter verschärft. Und wenn wir Jakobs Familiengeschichte kennen, entdecken wir darin ein Muster: Isaak bevorzugte Esau, Rebekka bevorzugte Jakob (1. Mose 25,28). Jakob wiederum liebte Rahel mehr als Lea (1. Mose 29,30–31), und nun bevorzugt er Joseph.
Jakob wiederholt in seiner eigenen Familie ein Muster, unter dem er selbst aufgewachsen ist.
Darin liegt eine wichtige Lektion für uns. Was wir in unserem Elternhaus erlebt haben, prägt uns – und manches davon übernehmen wir, ohne es überhaupt zu bemerken. Deshalb ist es gut, sich zu fragen:
-
Welche Muster aus meiner eigenen Familie trage ich heute weiter?
Wo reagiere ich ähnlich wie mein Vater oder meine Mutter? Wo wiederhole ich vielleicht Verhaltensweisen, unter denen ich selbst gelitten habe?
Schon in Vers 2 lesen wir, dass er seinem Vater Bericht über seine Brüder erstattete. Und in den Versen 5–11 bringt er sie durch seine Träume noch mehr gegen sich auf:
Joseph aber hatte einen Traum und verkündete ihn seinen Brüdern; da hassten sie ihn noch mehr. (1. Mose 37,5)
In seinem ersten Traum waren die Brüder auf dem Feld und ernteten Weizen. Jeder hatte ein Bündel, und die Bündel seiner Brüder verneigten sich vor Josephs Bündel. Die Brüder verstanden sofort, was damit gemeint war und antworten:
Willst du über uns herrschen? (1. Mose 37,8)
Was Joseph geträumt hatte, sollte sich später tatsächlich erfüllen. Doch seine Brüder waren nicht bereit, von ihrem jüngeren Bruder und dem Liebling ihres Vaters zu hören, dass er eines Tages über ihnen stehen würde.
Dann hat Joseph einen zweiten Traum. Diesmal verneigen sich Sonne, Mond und elf Sterne vor ihm. Nun reagiert sogar sein Vater Jakob:
Als er aber das seinem Vater und seinen Brüdern erzählte, tadelte ihn sein Vater und sprach zu ihm: Was ist das für ein Traum, den du geträumt hast? Sollen etwa ich und deine Mutter und deine Brüder kommen und uns vor dir bis zur Erde niederbeugen?
(1. Mose 37,10)
Vers 11 fasst die Reaktion seiner Brüder zusammen:
Und seine Brüder waren eifersüchtig auf ihn. (1. Mose 37,11)
Der Konflikt spitzt sich immer weiter zu. Die Bevorzugung durch den Vater hatte Hass hervorgerufen, und durch Josephs Träume wurde dieser Hass noch verstärkt. Doch schon bald bleibt es nicht mehr bei Eifersucht, feindseligen Gedanken und Worten. Der Hass seiner Brüder führt Joseph zur ersten tiefen Station seines Weges: in den Brunnen.
Als aber seine Brüder nach Sichem gegangen waren, um die Schafe ihres Vaters zu weiden, 13 da sprach Israel zu Joseph: Weiden nicht deine Brüder die Herde in Sichem? Komm, ich will dich zu ihnen senden! (1. Mose 37,12-13)
Joseph macht sich auf den Weg und findet sie schließlich bei Dothan.
An dieser Stelle begegnet uns zugleich eine Linie, die sich durch Josephs weitere Geschichte ziehen wird: Immer wieder erinnert sein Weg an Jesus Christus. Joseph ist nicht Jesus, doch an verschiedenen Stellen finden wir bemerkenswerte Parallelen, die unseren Blick auf Christus richten.
Das hebräische Wort für Hebron kann mit Gemeinschaft übersetzt werden. Genau das erlebt Joseph dort: Gemeinschaft mit seinem Vater Jakob. Doch dann wird er nach Sichem geschickt – einen Ort, mit dem Jakobs Familie bereits Sünde und dunkle und schmerzhafte Erfahrungen verband (1. Mose 34+35).
Übertrage dieses Bild auf Jesus Christus. Die Geschichte des Evangeliums beginnt damit, dass Vater und Sohn im Himmel Gemeinschaft miteinander haben, bis der Sohn in eine Welt voller Sünde und Leid gesandt wird. Wie Joseph ist auch Jesus auf einer Mission zu seinen Brüdern, dem jüdischen Volk. Und so wie Josephs Brüder sich gegen ihn verschworen, werden auch die Juden sich verschwören, Jesus zu töten.
Warum wurde Joseph nach Ägypten verkauft?
Und sie sprachen zueinander: Seht, da kommt der Träumer daher! 20 Und nun kommt und lasst uns ihn töten und in eine Zisterne werfen und sagen, ein böses Tier habe ihn gefressen; dann wollen wir sehen, was aus seinen Träumen wird! 21 Als Ruben dies hörte, rettete er ihn aus ihren Händen, indem er sprach: Wir wollen ihn nicht ums Leben bringen! (1. Mose 37,19-21)
Während Ruben weg ist, holen die Brüder Joseph aus dem Brunnen und verkaufen ihn für zwanzig Silberstücke an vorbeiziehende Händler, die ihn schließlich nach Ägypten bringen.
Nun haben sie allerdings ein Problem: Was sollen sie ihrem Vater erzählen? Sie greifen zu einer grausamen Täuschung:
Sie aber nahmen Josephs Leibrock und schlachteten einen Ziegenbock, tauchten den Leibrock in das Blut; 32 und sie schickten den bunten Leibrock ihrem Vater und ließen ihm sagen: Das haben wir gefunden; sieh doch, ob es der Leibrock deines Sohnes ist oder nicht! (1. Mose 37,31-32)
Es funktioniert. Jakob lässt sich täuschen und er trauert viele Jahre um Joseph.
Darin liegt eine bittere Ironie. Jakob wird nun auf ganz ähnliche Weise getäuscht, wie er früher selbst seinen Vater Isaak getäuscht hatte. Jahre zuvor hatte er gemeinsam mit seiner Mutter eine Ziege benutzt, um seinen blinden Vater Isaak zu täuschen: Mit den Fellen der Ziegenböckchen an Händen und Hals gab er sich als sein Bruder Esau aus. Nun benutzen seine eigenen Söhne ebenfalls einen Ziegenbock, um ihren Vater zu täuschen.
Das erinnert uns daran, dass Sünde Folgen hat und Entscheidungen aus der Vergangenheit uns wieder einholen können.
Joseph im Haus Potiphars
Vers 36 führt uns zur nächsten Station in Josephs Leben:
Joseph aber war nach Ägypten hinabgeführt worden, und Potiphar, ein Kämmerer des Pharao, der Oberste der Leibwache, ein Ägypter, hatte ihn aus der Hand der Ismaeliter erworben.
(1. Mose 39,1)
Damit hat sich Josephs Leben innerhalb kürzester Zeit vollkommen verändert. Aus dem bevorzugten Sohn Jakobs ist ein Sklave in einem fremden Land geworden.
Aus menschlicher Sicht scheinen der Hass seiner Brüder, ihr Verrat und schließlich der Verkauf über Josephs Zukunft entschieden zu haben. Doch gerade hier wird ein Gedanke sichtbar, der sich durch seine ganze Geschichte zieht: Gottes Vorsehung.
Joseph kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennen, wohin dieser Weg führen wird. Aber Gott hat ihn nicht verlassen. Selbst die Umstände, die gegen Joseph zu sprechen scheinen, wird Gott gebrauchen, um seine Absichten zu verwirklichen.
Die midianitischen Händler verkaufen Joseph an einen ägyptischen Beamten namens Potiphar. Dort erweist sich Joseph als zuverlässig und erfolgreich:
Und der HERR war mit Joseph (1. Mose 39,2)
Und um Josephs willen segnet Gott auch das Haus Potiphars.
-
Das darf auch für uns ein Wunsch sein: dass unsere Treue zu Gott dort zum Segen wird, wo er uns hingestellt hat – auch an unserem Arbeitsplatz.
Potiphar erkennt, dass er Joseph vertrauen kann, und überträgt ihm immer mehr Verantwortung, bis Joseph schließlich sein Verwalter und wichtigster Mitarbeiter wird:
Da überließ er alles, was er hatte, der Hand Josephs und kümmerte sich um gar nichts mehr als um das Brot, das er aß.
(1. Mose 39,6)
Es scheint, als würde es für Joseph endlich wieder aufwärtsgehen. Doch gerade an diesem Punkt wartet die nächste Prüfung auf ihn.
Joseph vor der Versuchung
Joseph aber war von schöner Gestalt und gutem Aussehen.
(1. Mose 39,6)
Potiphars Frau richtet begehrliche Blicke auf ihn und sagt:
Lege dich zu mir! (1. Mose 39,7)
Sie begehrt Joseph und versucht, dieses Begehren auf sündige Weise auszuleben. Ein attraktiver junger Mann befindet sich in ihrem Haus, und sie will ihn zum Ehebruch verführen.
Doch Joseph sucht nicht nach Gründen, die diese Sünde rechtfertigen könnten. Er fragt nicht: „Was könnte ich mir unter diesen Umständen erlauben?“ Seine entscheidende Frage lautet vielmehr:
-
Wie könnte ich gegen meinen Gott sündigen?
Genau das wird in seiner Antwort an Potiphars Frau deutlich:
Er aber weigerte sich und sprach zu der Frau seines Herrn: Siehe, mein Herr verlässt sich auf mich und kümmert sich um nichts, was im Haus vorgeht, und hat alles in meine Hand gegeben, was ihm gehört; es ist niemand größer in diesem Haus als ich, und es gibt nichts, das er mir vorenthalten hätte, ausgenommen dich, weil du seine Frau bist! Wie sollte ich nun eine so große Missetat begehen und gegen Gott sündigen?‘ (1. Mose 39,8-9)
Keine Rechtfertigung für Ehebruch
Wir leben in einer Welt der Politischen korrektheit. Achte darauf, wie wir unsere Begriffe verändert haben. Ehebruch wird nicht mehr Ehebruch genannt, sondern eine Affäre. Ehen werden „offen“, und Ehebrecher werden zu „Lebensgefährten“. Doch Millionen verletzter und gebrochener Herzen bezeugen, dass an Ehebruch nichts gesund ist. Aber Ehebruch ist nicht nur eine Sünde gegen den Ehepartner. Achte noch einmal auf Josephs Worte:
Wie sollte ich nun eine so große Missetat begehen und gegen Gott sündigen? (1. Mose 39,8-9)
Joseph versteht: Diese Sünde würde sich nicht nur gegen Potiphar und dessen Ehe richten. Sie wäre zugleich Sünde gegen Gott.
Das Eheversprechen ist nicht nur ein Versprechen, das zwei Menschen einander geben. Es wird auch vor Gott gegeben. Deshalb hat auch unsere Sexualität eine geistliche Dimension. Die Bibel verbindet die eheliche Gemeinschaft sogar mit der Beziehung zwischen Christus und seiner Gemeinde.
Sexuelle Sünde richtet sich deshalb nicht nur gegen Menschen. Sie berührt auch unsere Beziehung zu Gott.
Wie widerstand Joseph der Frau Potiphars?
Josephs Ablehnung hält Potiphars Frau nicht davon ab, es weiter zu versuchen. Die Versuchung ist nicht einmalig:
Und obwohl sie ihm Tag für Tag zuredete, hörte er doch nicht auf sie, dass er sich zu ihr gelegt oder sich an ihr vergangen hätte.
(1. Mose 39,10)
Tag für Tag versucht sie, Joseph für sich zu gewinnen – und Tag für Tag weigert er sich.
Das ist bemerkenswert. Joseph war ein junger Mann mit ganz normalen sexuellen Bedürfnissen und Wünschen. Der Bibeltext stellt ihn nicht als jemanden dar, der für Versuchungen unempfänglich gewesen wäre. Seine Reinheit bestand nicht darin, dass er keine Versuchung kannte, sondern darin, dass er ihr nicht nachgab.
Glaube nicht die Lüge, dass es sowieso jeder tut. Das stimmt nicht. Nicht jeder tut es. Joseph tat es nicht. Und auch heute gibt es viele Menschen, die Treue und sexuelle Reinheit höher achten als die Befriedigung eines momentanen Verlangens.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, was andere tun. Die Frage ist:
-
Welche Überzeugungen bestimmen mein eigenes Handeln?
Bei Joseph hatten Gottesfurcht, persönliche Integrität und moralische Reinheit Priorität. Seine Haltung fordert auch uns heraus: Was hat in meinem Leben Priorität, wenn meine Überzeugungen mit meinen Wünschen in Konflikt geraten?
Nicht jeder Christ wird auf dieselbe Weise oder mit derselben Intensität versucht. Doch Paulus erinnert uns in:
Gott ist treu und wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Mit der Versuchung wird er auch einen Ausweg schaffen, sodass ihr sie bestehen könnt. (1. Korinther 10,13)
Manchmal besteht Gottes Bewahrung darin, dass er bestimmte Gelegenheiten gar nicht erst zulässt oder einer Versuchung Grenzen setzt. Zugleich sind wir gefordert, der Versuchung nicht einfach nachzugeben, sondern ihr bewusst zu widerstehen.
Warum kam Joseph ins Gefängnis?
Schließlich kommt es zur entscheidenden Situation. Joseph betritt das Haus, und keiner der anderen Diener ist anwesend. Vielleicht hatte Potiphars Frau dafür gesorgt, dass die Diener nicht im Haus sind. Potiphars Frau greift nach seinem Gewand und fordert ihn erneut auf:
Lege dich zu mir! (1. Mose 39,12)
Joseph rennt.
Manchmal wird eine Versuchung so heftig, dass es nur eine Möglichkeit gibt: Fliehe. Geh weg. Verlasse den Ort. Entferne dich von der Versuchung. Genau diesen Grundsatz finden wir auch in der Aufforderung des Paulus an Timotheus:
Fliehe auch die jugendlichen Begierden. (2. Timotheus 2,22)
Wenn du einen Ort verlassen musst, dann tu es. Nichts ist es wert, dass du deine Integrität und deine sexuelle Reinheit aufs Spiel setzt.
Doch Josephs Flucht hat Folgen. Potiphars Frau bleibt mit seinem Gewand in der Hand zurück. Nachdem Joseph sich ihr verweigert hat, dreht sie die Geschichte um: Aus dem Mann, der vor der sexuellen Sünde geflohen ist, macht sie den Schuldigen. Sie benutzt sein zurückgelassenes Gewand als Beweis für ihre falsche Anschuldigung und behauptet, Joseph habe versucht, sie zu vergewaltigen.
Joseph hat das Richtige getan – und trotzdem muss er die Folgen einer Lüge tragen.
Als Potiphar die Anschuldigung seiner Frau hört, heißt es:
Sein Zorn entbrannte. (1. Mose 39,19)
Hier steht nicht, gegen wen sich sein Zorn richtet. Es könnte sein, dass sich sein Zorn nicht gegen Joseph richtet. Hätte er seiner Frau völlig geglaubt, hätte er diesen Sklaven sehr hart bestrafen lassen können. Dass Joseph „nur“ ins Gefängnis kam, könnte darauf hindeuten, dass Potiphar Zweifel hatte. Das bleibt allerdings eine Vermutung. Aber Joseph ist im Gefängnis nicht allein:
Der HERR war mit Joseph und erwies ihm Barmherzigkeit. Und er gab ihm Gunst in den Augen des Gefängnisaufsehers.
(1. Mose 39,21)
Die große Erkenntnisse aus dieser Geschichte ist:
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Josephs Umstände verändern sich immer wieder – aber Gottes Gegenwart verändert sich nicht.
Joseph hat das Richtige getan und erlebt trotzdem Unrecht. Seine Treue bewahrt ihn nicht vor dem Gefängnis. Aber selbst dort verlässt Gott ihn nicht. Wo Joseph auch hinkommt, Gott segnet.
Schon bald erweist sich Joseph auch im Gefängnis als so zuverlässig, dass der Gefängnisaufseher ihm immer mehr Verantwortung überträgt.
Joseph im Gefängnis – Gottes Vorsehung
Im Gefängnis begegnet Joseph zwei Männern aus dem unmittelbaren Umfeld des Pharao: dem obersten Mundschenk und dem obersten Bäcker. Beide hatten den Pharao verärgert und waren deshalb ins Gefängnis geworfen worden.
Dass diese beiden Männer ausgerechnet während Josephs Zeit im Gefängnis dort landen, war kein Zufall. Joseph kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennen, wie alles zusammenhängt. Doch Gottes Hand ist längst in seinen Umständen am Werk.
Eines Nachts haben sowohl der Mundschenk als auch der Bäcker einen Traum, den sie nicht deuten können. Joseph antwortet ihnen:
Kommen die Deutungen nicht von Gott? (1. Mose 40,8)
Das ist wichtig. Joseph schreibt sich keine besondere Fähigkeit zu. Er verweist auf Gott. Wenn diese Träume eine Bedeutung haben, dann muss ihre Deutung von Gott kommen.
Die Bibel berichtet an verschiedenen Stellen davon, dass Gott durch Träume zu Menschen gesprochen hat. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass jeder Traum eine Botschaft Gottes ist. Ich habe einmal die humorvolle Aussage gehört, Träume könnten aus drei Quellen kommen: von Gott, vom Teufel oder vom Abendessen. Der Punkt dahinter ist einfach:
-
Nicht jeder Traum hat eine geistliche Bedeutung.
Joseph deutet schließlich die Träume der beiden Männer: Der Mundschenk wird innerhalb von drei Tagen wieder in sein Amt eingesetzt, der Bäcker dagegen hingerichtet. Drei Tage später geschieht genau das, was Joseph angekündigt hatte.
Kapitel 40 endet dann mit einem ernüchternden Satz:
Aber der oberste Mundschenk dachte nicht an Joseph, sondern vergaß ihn. (1. Mose 40,23)
Joseph hatte den Mundschenk ausdrücklich gebeten, nach seiner Freilassung beim Pharao ein gutes Wort für ihn einzulegen. Menschlich gesehen schien sich damit endlich eine Tür aus dem Gefängnis zu öffnen.
Doch Josephs Hoffnung wurde enttäuscht.
Hinter einer finsteren Vorsehung
Denk darüber nach, wie viele Gründe Joseph inzwischen gehabt hätte, entmutigt zu sein.
Seine Brüder hassten ihn und warfen ihn in den Brunnen. Sie verkauften ihn als Sklaven. Im Haus Potiphars widerstand er der Versuchung und wurde anschließend falsch beschuldigt. Nun sitzt er unschuldig im Gefängnis. Und als endlich jemand seine Geschichte kennt und ihm helfen könnte, vergisst dieser ihn.
Aus Josephs Perspektive konnte es so aussehen, als würde sein Leben nirgendwohin führen.
Doch gerade das ist eines der großen Themen seiner Geschichte: Was für Joseph wie eine Reihe von Rückschlägen aussieht, fügt Gott Schritt für Schritt zu etwas zusammen, das Joseph selbst noch nicht erkennen kann.
In einem bekannten Kirchenlied von William Cowper heißt es:
„Behind a frowning providence – He hides a smiling face.“
Sinngemäß: Hinter einer finster erscheinenden Vorsehung verbirgt sich Gottes freundliches Angesicht.
Joseph konnte Gottes Plan zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennen. Aber Gott war trotzdem am Werk. Seine Geschichte erinnert uns daran, dass Gottes Wirken nicht davon abhängt, ob wir es im Augenblick erkennen oder verstehen können.
Und dann geschieht – zwei Jahre lang – scheinbar nichts.
Zwei weitere Jahre sitzt Joseph im Gefängnis. Zwei Jahre wartet er, ohne zu wissen, dass der vergessliche Mundschenk eines Tages genau der Mann sein wird, der seinen Namen vor dem Pharao erwähnt.
Die Träume des Pharao
In seinem ersten Traum steht der Pharao am Nil. Sieben fette, wohlgenährte Kühe steigen aus dem Fluss. Danach kommen sieben hässliche und abgemagerte Kühe aus dem Wasser – und die mageren Kühe fressen die sieben fetten.
Der Pharao wacht auf, schläft wieder ein und hat einen zweiten Traum.
Diesmal sieht er sieben volle und schöne Ähren. Danach wachsen sieben dünne, vom Ostwind versengte Ähren empor. Und wieder geschieht dasselbe: Die dünnen Ähren verschlingen die sieben vollen.
Und es geschah am Morgen, da war sein Geist beunruhigt. Und er sandte hin und ließ alle Wahrsager Ägyptens rufen und alle seine Weisen. Und der Pharao erzählte ihnen seinen Traum; aber da war keiner, der ihn dem Pharao deuten konnte. (1. Mose 41,8)
Diese Träume beunruhigen den Pharao. Doch niemand kann sie ihm deuten. Dann stößt Gott gewissermaßen die Erinnerung des Mundschenks an: Joseph!
Joseph wird aus dem Gefängnis geholt und vor den Pharao gebracht. In Kapitel 41, Vers 15 sagt der Pharao zu Joseph:
Nun habe ich über dich vernommen, dass du einen Traum zu deuten vermagst, wenn du ihn hörst. (1. Mose 41,15)
Joseph antwortet:
Das steht nicht bei mir. Gott wird verkündigen, was dem Pharao zum Wohl dient! (1. Mose 41,16)
Mir gefällt, wie selbstverständlich Joseph die Aufmerksamkeit von sich weg und auf Gott richtet.
Das ist nicht mehr derselbe hochmütige Junge, der vor seinen Brüdern in seinem besonderen Gewand herumstolzierte. Gott hat Joseph demütig gemacht. Nun steht er vor dem mächtigsten Mann Ägyptens und macht deutlich: Die Antwort liegt nicht in mir. Sie kommt von Gott.
In den Versen 25–32 deutet Joseph die beiden Träume. Beide enthalten dieselbe Botschaft: Auf sieben Jahre großen Überflusses werden sieben Jahre schwerer Hungersnot folgen. Die Hungersnot wird so verheerend sein, dass von dem vorherigen Überfluss kaum noch etwas zu spüren sein wird.
Was bedeuten die Träume des Pharao?
Die sieben fetten Kühe und die sieben vollen Ähren stehen für sieben Jahre des Überflusses in Ägypten. Die sieben mageren Kühe und die sieben dünnen Ähren kündigen sieben Jahre schwerer Hungersnot an. Gott offenbart dem Pharao durch Joseph, was geschehen wird, damit Ägypten sich darauf vorbereiten kann (1. Mose 41,25–36).
Doch Joseph deutet nicht nur die Träume. Er gibt dem Pharao auch einen Rat: Er soll einen verständigen und weisen Mann einsetzen und während der sieben guten Jahre einen Teil der Ernte sammeln und einlagern lassen. So wird das Land Vorräte haben, wenn die Hungersnot kommt.
Der Pharao und seine Diener erkennen die Weisheit dieses Vorschlags:
Diese Rede gefiel dem Pharao und allen seinen Knechten gut.
(1. Mose 41,37)
Dann sagt der Pharao zu seinen Dienern:
Können wir einen Mann finden wie diesen, in dem der Geist Gottes ist? (1. Mose 41,38)
Und wen wählt der Pharao für diese Aufgabe? Joseph!
Selbst der Pharao erkennt, dass Josephs Weisheit nicht einfach aus ihm selbst kommt. An Joseph wird Gottes Wirken sichtbar.
Darin liegt auch eine Anwendung für uns. Es ist etwas Besonderes, wenn Menschen durch unser Leben, unsere Arbeit und unseren Charakter auf Gottes Wirken aufmerksam werden.
Und ausgerechnet Joseph, der wenige Augenblicke zuvor noch Gefangener war, wird noch am selben Tag zum Verwalter über Ägypten eingesetzt.
Vom Brunnen auf den Gipfel
Der Pharao setzt Joseph über ganz Ägypten ein. Er gibt ihm seinen Siegelring und stattet ihn mit weitreichender Vollmacht aus.
Ich bin der Pharao, aber ohne dich soll niemand im ganzen Land Ägypten die Hand oder den Fuß erheben!. (1. Mose 41,44)
Über Nacht wird Joseph vom Gefangenen zu einem der mächtigsten Männer Ägyptens.
Als er nach Ägypten kam, trug er eine eiserne Kette um den Hals. Jetzt hängt eine goldene Kette an seinem Hals. Was für eine Veränderung.
Joseph war ungefähr siebzehn Jahre alt, als er nach Ägypten verkauft wurde. Nun steht er mit dreißig Jahren vor dem Pharao. Rund dreizehn Jahre liegen dazwischen – Jahre der Sklaverei, der Versuchung, der falschen Anschuldigung, des Gefängnisses und des Wartens.
Gott hätte Joseph auf andere Weise nach Ägypten und in diese Stellung bringen können. Doch auf diesem Weg bereitete Gott nicht nur die Umstände vor – er formte auch Joseph für die Aufgabe, die vor ihm lag.
Das ist ein wichtiger Gedanke. Gott ist nicht nur daran interessiert, wohin unser Weg führt. Er wirkt auch an unserem Charakter und unserer Integrität. Er gebraucht Zeiten des Wartens, Schwierigkeiten und Prüfungen, um uns zu formen.
Joseph musste lernen, dass seine besondere Stellung kein Grund für Hochmut war. Beförderung kommt von Gott. Sie ist das Ergebnis seiner Gnade, nicht unserer Größe.
Im Brunnen hat Gott seine ganz eigene Art, uns seine Lektionen beizubringen.
Inwiefern weist Joseph auf Jesus Christus hin?
Auch in Josephs Erniedrigung und anschließender Erhöhung finden wir bemerkenswerte Parallelen zu Jesus Christus.
Eine interessante Parallele finden wir in Josephs Alter. Vers 46 sagt, dass Joseph dreißig Jahre alt war, als er in den Dienst des Pharao trat. Auch Jesus war ungefähr dreißig Jahre alt, als er seinen öffentlichen Dienst begann.
Wie Joseph aus dem Brunnen hervorkam und zur Rechten des Königs erhöht wurde, so stand Jesus aus dem Grab auf und wurde zur Rechten des Königs im Himmel erhöht.
Später werden wir noch sehen, was Joseph mit seinen Brüdern macht, die ihn verworfen und verkauft haben. Er vergibt ihnen ihre Schuld. Das ist auch eine Parallele zu Jesus. Am Kreuz betete Jesus für diejenigen, die ihn verwarfen:
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
(Lukas 23,34)
Es gibt noch weitere Parallelen: Joseph setzte seine Hoffnung darauf, dass zwei Männer sich an ihn erinnern: ein Bäcker und ein Mundschenk, also ein Weinkoster. Im Abendmahl begegnen uns Brot und Wein, und Jesus fordert dadurch seine Jünger auf, sich an ihn zu erinnern.
Joseph wurde erhöht und in Vers 43 wird vor ihm ausgerufen:
Beugt das Knie!
Das erinnert an die Worte des Paulus über die Erhöhung Jesu:
mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen. (Römer 14,11)
In Vers 45 erhält Joseph einen ägyptischen Namen: Zophnath-Paneach. Die traditionelle Übersetzung dieses Namens lautet „Retter der Welt“. Ich kann mir keinen besseren Namen für Jesus vorstellen.
Nach seiner Erhöhung bekommt Joseph in Vers 50 eine heidnische Braut, Asenath. Manche Ausleger sehen darin ein weiteres Bild für Jesus: Nach seiner Erhöhung erhält auch Jesus eine Braut aus den Heiden, nämlich uns, seine Gemeinde.
Nach Josephs Erhöhung kehrt die Geschichte nun wieder zu Josephs Brüdern zurück. Auch darin entsteht ein Bild davon, wie Jesus in den letzten Tagen mit Israel, seinen Brüdern, umgehen wird, wenn sie wieder zusammengeführt werden.
Abschluss Teil 1
Bis hierher hat Josephs Leben eine erstaunliche Wendung genommen.
Sein Weg führte ihn tief hinab: in den Brunnen, in die Sklaverei und schließlich ins Gefängnis. Immer wieder schien es, als würden andere Menschen über sein Leben bestimmen. Seine Brüder verkauften ihn. Potiphars Frau verleumdete ihn. Der Mundschenk vergaß ihn.
Doch über allem stand eine größere Hand. Am Ende steht Joseph dort, wo niemand ihn erwartet hätte: erhöht über Ägypten und ausgestattet mit der Vollmacht, durch die Gott viele Menschen vor dem Tod bewahren wird.
Doch ein Teil seiner Geschichte ist noch nicht abgeschlossen.
Denn irgendwo in Kanaan leben noch immer die Männer, die ihn einst in den Brunnen geworfen und als Sklaven verkauft haben.
Und schon bald werden sie sich wiedersehen.
Weitere Heldengeschichten der Bibel entdecken
Josephs Geschichte zeigt, wie Gott selbst durch Verrat, Ungerechtigkeit und lange Zeiten des Wartens seinen guten Plan verwirklicht. Doch Joseph ist nicht der einzige Mensch in der Bibel, durch dessen Leben Gottes Treue und Gnade sichtbar werden.
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