Einführung ins Thema: Warten auf den Regen
Heute Morgen durften wir einen wunderschönen Sonnenaufgang erleben, bei dem man die Sonne richtig genießen konnte. Vielleicht habt ihr euch einen Moment genommen, um euch einfach in die Sonne zu stellen oder zu setzen. Nach einigen grauen Tagen tut es besonders gut, die Sonnenstrahlen wieder auf der Haut zu spüren und ihre Wärme zu genießen.
Doch heute Morgen möchte ich euch in eine Zeit mitnehmen, in der die Situation genau umgekehrt war: eine Zeit, in der die Menschen nicht auf die Sonne warteten, sondern auf den Regen. Wenn wir nun in das zehnte Kapitel des Buches Sacharja eintauchen, werden wir sehen, dass sich das Volk Israel in einer Situation befand, in der es sehnsüchtig auf Regen wartete.
Vielleicht können sich einige von euch – besonders, wenn ihr im Gartenbau arbeitet – vorstellen, was es heißt, sehnlich auf Regen zu warten. Aber im Großen und Ganzen ist das heute nicht mehr unsere alltägliche Erfahrung. Unser modernes Leben macht uns weitgehend unabhängig vom Wetter. Doch zur Zeit Sacharjas war das anders: Das Volk Gottes war eine Agrarnation. Sie lebten von Landwirtschaft und Viehzucht. Das machte sie vollkommen abhängig vom Wetter – nicht nur von der Menge des Regens, sondern auch von seinem genauen Zeitpunkt.
Am Ende von Sacharja Kapitel 9 hatte Gott seinem Volk einen reichen Ernteertrag versprochen. Aber es gab noch ein Problem – und genau damit wollen wir uns heute in Kapitel 10 beschäftigen.
Abhängigkeit Israels vom Regen (Frühregen und Spätregen)
Bevor wir in den Text eintauchen, lasst mich euch noch kurz in die damaligen klimatischen Gegebenheiten Israels hineinnehmen: In Israel gab es zwei entscheidende Regenzeiten. Es gab den sogenannten Frühregen – obwohl dieser Name etwas irreführend ist, denn er fällt in den Herbstmonaten Oktober und November. Dieser Regen war notwendig, um den harten, ausgetrockneten Boden nach dem trockenen Sommer aufzuweichen und die Aussaat zu ermöglichen. Nach dem Frühregen begann eine Wachstumsphase, in der das Getreide zwar in die Höhe wuchs, aber noch keine vollen Ähren ausbildete.
Es folgte erneut eine längere Trockenzeit, und dann kam der für die Ernte entscheidende Spätregen, etwa im März und April. Dieser Spätregen sorgte dafür, dass die Ähren voll wurden und sowohl Quantität als auch Qualität der Ernte gesichert waren. Wenn der Spätregen kam, war die Erntezeit nah. Das wurde dann im Pfingstfest gefeiert, dem Fest der ersten Früchte, bei dem Gott für die Ernte gedankt wurde – sowohl für den Frühregen als auch für den Spätregen.
Genau in dieser Übergangszeit befinden wir uns, wenn wir nun Kapitel 10 betrachten: Es war Erntezeit, doch der entscheidende Spätregen war noch ausgeblieben. Das Volk wartete sehnsüchtig auf die dunklen Wolken am Horizont, die Regen ankündigen würden. Heute würden wir vielleicht ständig unsere Wetter-App checken und hoffen, dass die Prognose bald Regen zeigt. Damals aber warteten die Menschen Tag für Tag – in der Unsicherheit, ob genug Regen kommen würde, um die Ernte zu sichern. Ein Ausbleiben des Regens bedeutete Mangel und Hunger, selbst im verheißenen Land.
Theologischer Hintergrund der Regenzeiten in Israel
Was sollte das Volk also tun? Um das besser zu verstehen, schlage ich mit euch einen kurzen Bogen zu 5. Mose 11, Verse 10 bis 17. Dort erklärt Gott seinem Volk wichtige Prinzipien, die auch in unserer heutigen Betrachtung eine große Rolle spielen werden.
Als Gott Israel aus Ägypten herausgeführt hatte und sie an der Schwelle zum verheißenen Land standen, machte er ihnen klar: Dieses neue Land ist anders als das Land Ägypten, das sie kannten. In Ägypten gab es ausgeklügelte Bewässerungssysteme – Felder konnten mit dem Fuß bewässert werden, vermutlich durch eine Art Pumpmechanismus. Menschliche Anstrengung sicherte dort den Ertrag.
Das Land Kanaan aber ist ein Land von Bergen und Tälern, das auf den Regen vom Himmel angewiesen ist. Fruchtbarkeit und Ernte sind dort einzig und allein von der Güte Gottes abhängig. Nicht menschliche Technik, sondern Gottes Segen macht das Land fruchtbar. Das war damals der Unterschied zwischen Ägypten und Israel, und ebenso gibt es auch heute einen Unterschied zwischen der Welt, die Gott nicht kennt, und dem Reich, in dem wir als Christen leben sollen.
Wir können die himmlischen Segnungen nicht durch eigene Anstrengung verdienen. Sie hängen zu hundert Prozent von der Gnade und Güte Gottes ab. Wer das denkt, sollte es sich heute neu ins Herz schreiben lassen.
Zusammenhang von Gehorsam und Segen
Gott macht seinem Volk außerdem eine Verheißung: Wenn sie seine Gebote halten, ihn lieben und ihm dienen mit ganzem Herzen und ganzer Seele, dann wird er ihnen den Frühregen und den Spätregen zur rechten Zeit schenken. Der Regen wird kommen, wenn sie ihm treu bleiben.
Aber Gott fügt auch eine Warnung hinzu: Wenn sie sich von ihm abwenden und fremden Göttern vertrauen, wird er den Himmel verschließen. Kein Frühregen, kein Spätregen, keine Ernte – Mangel und Not würden die Folge sein.
So funktionierte das Land Israel damals, und so musste das Volk in diesem Land leben. Und auch wir heute können daraus viel lernen: Gott allein gibt Segen. Ihm allein sollen wir vertrauen.
Biblische Aufforderung zum Gebet um Regen
Mit diesem Verständnis im Hintergrund wenden wir uns nun Sacharja Kapitel 10, Vers 1 zu:
Erbittet vom HERRN Regen zur Zeit des Spätregens! Der HERR macht Blitze und wird euch Regengüsse geben, jedem das Gewächs auf dem Feld. (Sa. 10,1)
Der Herr selbst fordert das Volk auf, gerade jetzt, in dieser entscheidenden Phase vor der Ernte, ihn um Regen zu bitten. Es geht also nicht nur darum, dass Regen grundsätzlich nötig wäre – nein, es geht um den richtigen Regen zur richtigen Zeit: den Spätregen, der die Ernte zur vollen Reife bringt.
Das Entscheidende dabei ist, von wem der Regen erbeten werden soll. Nicht irgendeine Hilfe, nicht menschliche Anstrengung, sondern eine direkte Bitte an den Herrn. Und das Schöne: Er tut es, wie es am Ende von Vers 1 heißt, für jeden – für jeden Einzelnen, der ihn darum bittet.
Gott wartet darauf, dass wir ihn bitten
Ich möchte, dass wir uns diesen Punkt wirklich einprägen: Gott ist bereit zu geben. Er wartet darauf, dass wir zu ihm kommen und bitten. Das erinnert an die folgenden Worte Jesu:
Bittet, so wird euch gegeben… (Matthäus 7,7)
Es geht nicht darum, einfach nur irgendeine Bitte auszusprechen, sondern darum, sich an den richtigen Adressaten zu wenden – an den Herrn selbst, der allein in der Lage ist, Regen zu senden.
Deshalb stelle ich uns heute die Frage: Bitten wir wirklich? Sind wir uns unserer völligen Abhängigkeit vom Herrn bewusst? Oder vertrauen wir auf menschliche Wege, auf unsere eigene Kraft, auf Selbsthilfe?
Warnung vor Irrwegen: falsche Propheten und Götzen
Genau hier liegt die Herausforderung: Gott ruft uns, bewusst und demütig bei ihm allein zu suchen, was wir brauchen. Nachdem Gott sein Volk im ersten Vers aufgefordert hatte, von ihm den Regen zu erbitten, zeigt er nun in Vers 2, wo das eigentliche Problem liegt:
Denn die Teraphim haben leere Versprechungen gemacht, und die Wahrsager haben Lügen geschaut, und sie erzählen erlogene Träume und spenden leeren Trost. Darum sind sie fortgelaufen wie Schafe; sie sind im Elend, weil kein Hirte da ist. (Sa. 10,2)
Anstatt im Vertrauen auf den Herrn zu warten, hatten die Menschen andere Wege gesucht. Sie wandten sich an Teraphim – tragbare Hausgötzen –, um Rat und Orientierung zu bekommen. Sie suchten bei Wahrsagern Hilfe, die ihnen in ihren Träumen und Reden aber nur Lügen und Trug vorgaukelten.
Was ihnen diese falschen Quellen gaben, war nichts weiter als Dunst – leerer, nichtssagender Trost. Sie versprachen Sicherheit und Hoffnung, doch in Wahrheit war alles, was sie bieten konnten, nur heiße Luft.
Diagnose Gottes: Das eigentliche Problem: Ein Hirte fehlt
Und so beschreibt Gott den Zustand seines Volkes: Die Menschen irren umher wie Schafe ohne Hirten. Sie sind verwirrt, verletzlich und schutzlos. Gott deckt hier die eigentliche Wurzel des Problems auf: Es fehlt ein guter Hirte. Das, was äußerlich sichtbar wurde – der Irrweg zu Götzen und Wahrsagern, das Suchen nach falschen Sicherheiten –, war nur ein Symptom. Die Ursache war tiefer: Es fehlte jemand, der die Menschen richtig führen, schützen und leiten konnte.
Verwandlung durch den Herrn: Schafe werden zu Streitrosse
Ohne einen guten Hirten bleibt die Herde orientierungslos und wird leicht bedrückt und niedergetreten. Aber Gott lässt sein Volk nicht in diesem Zustand. In Vers 3 verheißt er:
Mein Zorn ist entbrannt über die Hirten, und die Böcke werde ich strafen; denn der HERR der Heerscharen hat sich seiner Herde, des Hauses Juda, angenommen und hat sie hergerichtet wie sein Prachtross im Kampf. (Sa. 10,3)
Er wird sich seiner Herde wieder annehmen. Er wird die falschen Hirten, die untreuen Leiter, bestrafen. Sein Zorn ist über diese Hirten entbrannt, und er wird die Böcke heimsuchen, die die Herde in die Irre geführt haben.
Und dann kündigt Gott etwas Großartiges an: Er wird aus seiner Herde ein prächtiges Streitross machen. Ich musste dabei an eine historische Begebenheit denken, als Hannibal im Krieg Elefanten einsetzte. Aber noch nie habe ich davon gehört, dass jemand mit einer Schafherde in eine Schlacht gezogen wäre. Der Gedanke daran bringt mich zum Schmunzeln – und doch bleibt eine tiefere Wahrheit haften: Wenn der Herr eingreift, verwandelt er eine verirrte, schwache Herde in ein kampfbereites, siegreiches Heer.
Das liegt nicht an der Kraft der Schafe, sondern einzig an der Macht und Fürsorge des guten Hirten. Mit ihm an der Spitze wird die Herde unaufhaltsam.
Ankündigung des Messias aus Juda
Von ihm kommt der Eckstein, von ihm der Zeltpflock, von ihm der Kriegsbogen, von ihm wird zugleich jeder Beherrscher hervorgehen. (Sa. 10,4)
Aus Juda wird der Eckstein hervorgehen – eine klare messianische Ankündigung. Dieser Eckstein bringt Ausrichtung, Stabilität und Halt. Außerdem wird ein Pflock aus Juda kommen – ein Symbol für Standfestigkeit, selbst auf einer Reise. Und schließlich wird ein Kriegsbogen hervorgehen – ein Bild für Stärke und Sieg im Kampf.
Damit ist klar: Gott selbst wird seinem Volk durch den kommenden Messias alles geben, was es braucht: Stabilität, Schutz und die Fähigkeit, im geistlichen Kampf zu bestehen.
Das Volk wird stark gemacht im Herrn
In Vers 5 wird das dann eindrücklich zusammengefasst:
Und sie werden sein wie die Helden, die den Straßendreck im Kampf zertreten; und sie werden kämpfen, weil der HERR mit ihnen ist, und werden die Reiter auf den Kriegsrossen zuschanden machen. (Sa. 10,5)
Das Volk wird wie Helden kämpfen, die den Kot der Straßen im Kampf zertreten. Sie werden siegen – aber nicht aus eigener Kraft, sondern weil der Herr mit ihnen ist. Der Herr ist ihre Stärke, ihre Hoffnung und ihr Sieg.
Gott erbarmt sich seines Volkes
In Vers 6 beschreibt Gott, was er für sein Volk tun wird:
Und ich werde das Haus Juda stärken und das Haus Joseph erretten und werde sie heimkehren lassen, weil ich Erbarmen mit ihnen habe; und sie sollen sein, als hätte ich sie niemals verstoßen; denn ich, der HERR, bin ihr Gott und will sie erhören. (Sa. 10,6)
Er sagt, dass er das Haus Juda stärken und das Haus Josef retten wird. Er wird sie wieder wohnen lassen – ein Bild der Wiederherstellung, der Rückkehr zu einem gesegneten Zustand. Das Erstaunliche ist: Gott tut das nicht, weil das Volk es verdient hätte, sondern aus einem einzigen Grund:
weil ich Erbarmen mit ihnen habe. (Sa. 10,6)
Das ist Erbarmen: tätiges Mitleid. Gott sieht die Not seines Volkes, und weil er Gott ist, bleibt es nicht beim bloßen Mitleid, sondern er handelt aus Erbarmen. Er beugt sich hinab, um zu retten, um wiederherzustellen, um Nähe zu schenken. Für uns heute ist das eine wunderbare Wahrheit: Gottes Eingreifen hängt nicht von unserer Leistung ab, sondern von seinem Charakter, von seinem Erbarmen.
Und Gott verheißt noch mehr:
und sie sollen sein, als hätte ich sie niemals verstoßen. (Sa. 10,6a)
Das bedeutet: Er stellt sein Volk vollständig wieder her. Er behandelt sie nicht wie solche, die einst verstoßen waren, sondern wie solche, die immer in seiner Nähe geblieben sind.
Am Ende von Vers 6 heißt es außerdem:
denn ich, der HERR, bin ihr Gott und will sie erhören. (Sa. 10,6b)
Das Erhören setzt voraus, dass eine Bitte oder eine Frage an Gott gerichtet wird. Das macht deutlich: Das Volk wird wieder in eine lebendige Beziehung zu seinem Gott treten. Es wird ihn anrufen – und der Herr wird sie erhören.
Freude und Hoffnung als Frucht der Rettung
Und was wird das bewirken? In Vers 7 lesen wir:
Und Ephraim wird sein wie ein Held, und ihr Herz soll frohlocken wie vom Wein. Ihre Kinder werden es sehen und fröhlich sein; ihr Herz wird sich freuen im HERRN. (Sa. 10,7)
Gottes Erbarmen führt nicht nur zur Wiederherstellung, sondern auch zur Freude. Nicht nur bei der gegenwärtigen Generation, sondern auch bei ihren Kindern. Gottes Werk erstreckt sich über Generationen. Die Freude über Gottes Nähe und Treue wird weitergegeben und wächst. So zeigt uns dieser Abschnitt: Wo Gott eingreift, da werden Schwache stark, Verstoßene werden angenommen, und Trauer wird in Freude verwandelt.
Sammeln durch den Hirtenpfiff
In Vers 8 begegnet uns ein wunderbares Bild:
Ich will sie herbeirufen und sie sammeln; denn ich habe sie erlöst; und sie sollen so zahlreich werden, wie sie einstmals waren. (Sa. 10,8)
In der Elberfelder Bibel steht hier „Ich will ihnen pfeifen und sie sammeln“. Diese Formulierung ist sehr treffend. Gemeint ist der spezielle Pfiff eines Hirten, den seine Schafe genau kennen. Ich stelle mir vor, wie die Schafe auf der Weide verteilt sind, beim Grasen, und dann ertönt dieser vertraute Pfiff. Plötzlich kommt Bewegung in die Herde: Die Schafe lassen alles stehen und liegen, sie unterbrechen sofort, was sie gerade tun, und laufen wie von einem Magneten angezogen auf den Hirten zu.
Genauso wird Gott sein Volk sammeln. Es ist ein wunderschönes Bild dafür, wie die, die zu Gott gehören, seine Stimme erkennen und sich von ihm rufen lassen. Jesu Worte im Johannesevangelium kommen mir dabei in den Sinn:
Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir nach (Johannes 10,27)
Deshalb frage ich uns heute: Kennen wir die Stimme unseres guten Hirten? Sind wir bereit, in dem Moment, in dem er ruft, alles loszulassen und ihm zu folgen?
Weiter sagt Gott in Vers 8: „Denn ich habe sie erlöst.“ Das ist der Grund, warum die Schafe auf seine Stimme reagieren: Sie gehören ihm, weil er sie erlöst, erkauft und zu seinem Eigentum gemacht hat. Er hat sie teuer bezahlt, und deshalb wird er sie nicht vergessen. Und so wird die Herde, die unter seinem Schutz steht, sich mehren – sie wird wachsen.
Vermehrung und Streuung des Volkes unter die Nationen
In Vers 9 geht die Verheißung weiter:
Ich werde sie zwar unter die Völker säen; aber in der Ferne werden sie an mich gedenken; und sie sollen leben samt ihren Kindern und zurückkehren. (Sa. 10,9)
Gott wird sein Volk unter die Völker säen. Das klingt auf den ersten Blick überraschend: Er sammelt – und dann streut er sie wieder aus. Aber das hat einen Sinn: Gott wird sie aussäen unter den Völkern, damit sie sich dort an ihn erinnern. Auch wenn sie in der Zerstreuung leben, werden sie nicht von Gott vergessen sein, sondern weiterhin seine Gegenwart erfahren.
Und noch mehr: Sie werden mit ihren Kindern leben und zurückkehren. Das bedeutet: Gottes Werk bleibt nicht auf eine Generation beschränkt. Es geht weiter – Kinder und Kindeskinder werden an der Verheißung teilhaben. Die Sammlung und die Rückkehr umfassen nicht nur einzelne, sondern ganze Generationen, die durch Gottes Treue bewahrt und zurückgeführt werden.
Zweiter Exodus – endgültige Sammlung des Volkes Gottes
Und ich werde sie aus dem Land Ägypten zurückführen und aus Assyrien sammeln und sie ins Land Gilead und auf den Libanon bringen; aber es wird nicht Raum genug gefunden werden für sie. (Sa. 10,10)
Er wird sie in das Land Gilead und auf den Libanon bringen – und zwar in einer solchen Menge, dass der Raum dort nicht ausreichen wird.
Für das Volk zur Zeit Sacharjas war sofort klar: Das konnte sich nicht auf ihre damalige Rückkehr aus Babylon beziehen. Denn die Rückkehrer aus Babylon waren nur wenige. Hier aber wird ein Exodus beschrieben, der viel größer und umfassender ist. Es wird eine Rückführung sein, die weit über alles hinausgeht, was sie bisher erlebt hatten.
Wir hatten schon früher im Buch Sacharja – etwa in den Kapiteln 2 und 3 – gesehen, dass Gott ein viel größeres Werk im Blick hatte als nur die Wiederherstellung des irdischen Israel. Es geht um ein Sammeln von Menschen aus allen Nationen, unter der Herrschaft eines guten Hirten, Jesus Christus.
Der Herr bahnt selbst den Weg – Parallele zu Jesus Christus
In Vers 11 wird noch mehr von dieser Rückführung prophezeit:
Und er wird das Meer durchziehen mit Bedrängnis und die Wellen des Meeres schlagen, und alle Tiefen des Stromes werden versiegen; und das stolze Assyrien wird gestürzt, und das Zepter Ägyptens muss weichen. (Sa. 10,11)
Gott selbst wird durchs Meer der Bedrängnis ziehen. Er wird die Wellen schlagen und die Tiefen der Ströme versiegen lassen. Die hochmütigen Mächte der Welt – Assyrien und Ägypten – werden gebrochen werden. Das bedeutet: Alle Mächte, die sein Volk festhalten oder bedrohen könnten, verlieren ihre Macht.
Was mich besonders bewegt: Gott selbst setzt sich der Gefahr aus. Er geht seinem Volk voraus durch die Angst und das Gericht, so wie er beim ersten Exodus das Meer geteilt hat. Aber dieser neue Exodus wird endgültig sein: Gott befreit sein Volk nicht nur äußerlich, sondern er besiegt die Feinde vollständig.
Das Ziel: ein heiliges Volk bei einem heiligen Gott
Und dann, in Vers 12, lesen wir:
Und ich will sie stark machen in dem HERRN, und sie werden wandeln in seinem Namen, spricht der HERR. (Sa. 10,12)
Das ist der Höhepunkt: Gott führt sein Volk nicht nur heraus und befreit es, er stärkt es auch. Er macht sie stark – aber nicht in sich selbst, sondern „im HERRN“.
Ihr Leben wird bestimmt sein von seinem Namen, von seiner Autorität und seinem Charakter. Sie werden nicht mehr in eigener Kraft gehen, sondern in der Kraft und Leitung Gottes.
Am Ende steht ein Volk, das erlöst, gesammelt, gestärkt und erneuert ist – ein heiliges Volk, das in Übereinstimmung mit dem Wesen Gottes lebt. Das ist das große Ziel, auf das all diese Verheißungen zulaufen.
Geistliche Übertragungen
Nachdem wir gesehen haben, wie Gott sein Volk sammeln, stärken und in seinem Namen wandeln lassen wird, möchte ich am Ende der Predigt noch zwei zentrale Punkte hervorheben, die uns aus dem gesamten Zusammenhang besonders wichtig sein sollen:
1. Spätregen als Bild für den Heiligen Geist an Pfingsten
Wir haben in der Betrachtung gesehen, dass es in Sacharja 10 nicht nur um physischen Regen geht. Es geht um eine geistliche Dimension. Das wird besonders deutlich, wenn wir den Propheten Joel hinzunehmen: In Joel 2,23 heißt es, dass Gott den Frühregen und den Spätregen in rechter Weise geben wird. Und direkt im Anschluss – in Joel 3,1 (bzw. in manchen Bibelübersetzungen Joel 2,28) – verheißt Gott, dass er seinen Geist über alles Fleisch ausgießen wird.
Das bedeutet: Der Regen steht nicht nur für landwirtschaftlichen Segen, sondern er ist auch ein Bild für das Kommen und Wirken des Heiligen Geistes.
Und wann wurde diese Verheißung erfüllt? An Pfingsten, bei der Gründung der Gemeinde, als der Heilige Geist ausgegossen wurde. Gott hatte durch den Frühregen sein Werk mit Israel begonnen, indem er den Messias aus diesem Volk hervorgehen ließ. Durch den Spätregen aber – die Ausgießung des Heiligen Geistes – wird nun die geistliche Ernte heranreifen.
Pfingsten markiert den Beginn eines neuen Zeitalters, eines neuen Reiches, eines neuen Volkes Gottes, gegründet durch Jesus Christus.
2. Neuer Exodus durch Christus, der sein Volk sammelt
Wir haben in Sacharja 10 auch den Gedanken eines neuen Exodus gesehen. Der erste Exodus hatte das Ziel, das Volk aus Ägypten herauszuführen und sie in das verheißene Land zu bringen, wo sie in Ruhe leben sollten. Nach dem ersten Exodus kam der Frühregen und dann der Spätregen, der die Ernte sicherte.
Genauso erleben wir nun einen neuen Exodus: Gott holt sein Volk aus allen Nationen heraus, aus der Finsternis und der Macht der Sünde, und bringt sie in das Reich des Sohnes seiner Liebe.
Es gibt dazu eine wunderschöne Parallele im Neuen Testament: Auf dem Berg der Verklärung, in Lukas 9, sprechen Mose und Elia mit Jesus – und zwar über seinen „Auszug“, seinen „Exodus“, den er in Jerusalem vollenden sollte. Jesus selbst ist es, der am Kreuz diesen neuen Exodus vollbracht hat. Er ist hindurchgegangen durch das Meer der Angst, durch das Gericht Gottes, damit für uns ein Weg geöffnet wurde. Er ist unser Passalamm, unser Retter, der uns herausgeführt hat und in das himmlische verheißene Land bringen will.
Praktische Anwendungen
Und was lernen wir daraus ganz praktisch?
-
Wir sollen solche Menschen sein, die den Herrn bitten. In Jakobus 4,2 steht: „Ihr habt nichts, weil ihr nicht bittet.“ Deshalb rufe ich uns auf: Lasst uns beten, lasst uns wirklich Beter sein.
-
Wir sollen die Hilfe nicht bei uns selbst oder bei falschen Quellen suchen, sondern lasst uns bei Gott allein Hilfe suchen. So wie wir es in Sacharja 10 gesehen haben.
-
Und wir wollen stark sein im Kampf, weil der Herr mit uns ist. Wenn der Herr mit uns ist, können selbst aus Schafen prachtvolle Kriegspferde werden.
Deshalb ermutige ich uns: Lasst uns zu Jesus Christus gehen, der unser Exodus vollbracht hat. Lasst uns uns von ihm ernähren, dem Brot des Lebens, und von ihm trinken, dem lebendigen Wasser. Damit auch wir eines Tages in das ewige verheißene Land eingehen und dort den vollen Segen Gottes genießen dürfen.

