Eine wahre Heldengeschichte

Daniel in der Löwengrube ist wirklich eine wahre Heldengeschichte. Sie hat alles, was eine Heldengeschichte braucht: politische Intrigen, geheime Absprachen, einen König, der sich manipulieren lässt, einen Mann Gottes, der unbeirrt an seinem Glauben festhält, und eine tödliche Gefahr durch hungrige Löwen. Es wird dramatisch, es fließt Blut – und am Ende steht eine erstaunliche Rettung.

Es ist eine der bekanntesten Geschichten der Bibel. Ich kenne sie von klein auf und habe sie schon im Kindergottesdienst kennengelernt. Ihr kennt sicherlich die Geschichte ebenfalls:.

Für 30 Tage wird verboten, zu irgendeinem Gott oder Menschen außer zum König zu beten. Wer sich nicht daran hält, soll in die Löwengrube geworfen werden. Aber Daniel bleibt treu, obwohl ihn diese Treue das Leben kosten kann. Man kann sagen: Daniel gehorchte Gott mehr als den Menschen und wurde deswegen in die Löwengrube geworfen. Doch dort zeigt sich: Die Löwen entscheiden nicht über Daniels Leben. Gott greift ein und rettet seinen Diener.

Auch das Neue Testament blickt auf diese Geschichte zurück. In Hebräer 11 lesen wir von Menschen, die durch Glauben „der Löwen Rachen verstopften“. Der Hebräerbrief lenkt unseren Blick damit auf etwas Entscheidendes: auf Daniels Glauben und sein Vertrauen auf Gott.

Deshalb soll uns heute nicht die Frage beschäftigen: „Wird Daniel die Löwengrube überleben?“ Das wissen wir bereits. Sondern: Was können wir von Daniel und von seinem Glaubensleben lernen? Und was können wir über den Gott lernen, dem Daniel vertraut?

Denn Daniel 6 zeigt uns nicht nur einen Mann, dessen Glaube treu bleibt. Es zeigt uns vor allem einen Gott, dem wir vertrauen können.

Der Beginn einer neuen Herrschaft

Lass uns jetzt in die Geschichte eintauchen. Um noch etwas vom Kontext mitzunehmen, beginnen wir bereits in Daniel 5,30:

In derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, umgebracht. Und Darius, der Meder, empfing das Königreich, als er 62 Jahre alt war. 2 Darius aber befand es für gut, 120 Satrapen über das Reich zu setzen, die im ganzen Reich verteilt sein sollten, 3 und über diese drei Minister, von denen Daniel einer war; diesen sollten jene Satrapen Rechenschaft ablegen, damit der König keinen Schaden erleide.

Für Gott gibt es kein „zu alt“

Wenn wir diese Zeilen lesen, müssen wir bedenken, dass Daniel schon seit seiner Jugend nicht mehr in seiner Heimat ist. Als junger Mann wurde er nach Babylon verschleppt. Hier in Kapitel 6 war Daniel wahrscheinlich schon über 80 Jahre alt.

War dir bewusst, dass Daniel hier schon so alt ist? Auch als alter Mann steht Daniel treu an seinem Platz und dient seinem Gott. Das ist eine schöne Ermutigung: Für Gott gibt es kein „zu alt“. Unsere Kräfte und Aufgaben mögen sich im Laufe des Lebens verändern, aber solange Gott uns Leben schenkt, können wir ihm dienen und von ihm gebraucht werden. Das zeigt uns: Für Gott gibt es kein „zu alt“.

Ein Regierungswechsel

Im Laufe von Daniels Leben hat sich inzwischen fast alles verändert. Könige sind gekommen und gegangen, Weltreiche sind aufgestiegen und gefallen. Aber eines hat sich nicht verändert: Daniel dient noch immer demselben Gott. Und auch unter der neuen Regierung fällt Daniel auf. Wir lesen in Vers 4:

Da sich nun dieser Daniel vor allen Ministern und Satrapen auszeichnete, weil ein so vortrefflicher Geist in ihm war, so nahm sich der König vor, ihn über das ganze Reich zu setzen. (Daniel 6,4)

Wenn man das Buch Daniel durchliest, bekommt man den Eindruck, dass es öfter vorkam, dass Daniel befördert wurde. Genau an diesem Punkt beginnt der Konflikt. Die anderen Minister und Satrapen wollen verhindern, dass Daniel weiter aufsteigt. Deshalb machen sie sich auf die Suche nach irgendetwas, das sie Daniel ankreiden können.

Daniels Treue wird geprüft – V. 1–10

Da suchten die Minister und Satrapen eine Anklage gegen Daniel zu finden im Hinblick auf die Regierungsgeschäfte; aber sie konnten keine Schuld oder irgendetwas Nachteiliges finden, weil er treu war und keine Nachlässigkeit noch irgendein Vergehen bei ihm gefunden werden konnte. (Daniel 6,5)

Wir können sehen: Daniel hatte keine heimlichen Affären. Es gab keine Unregelmäßigkeiten bei seinen Steuererklärungen, keine Geschenke von Lobbyisten. Er ließ sich nicht bestechen. Er war einfach untadelig.

Heutzutage erleben wir es oft, dass die Opposition sofort versucht, irgendetwas zu finden, sobald ein neuer Politiker ein Amt übernimmt. Sein Leben wird durchleuchtet, seine Doktorarbeit wird überprüft, einfach alles wird überprüft und anschließend der Presse gegeben.

Umso erstaunlicher ist es bei Daniel, der schon Jahrzehnte in höchsten Regierungsämtern gedient hat: Sie finden nichts.

Bemerkenswert ist auch: Obwohl uns das Buch Daniel viel über sein Leben berichtet, wird uns nichts Negatives über ihn berichtet. Das ist bei nur wenigen Menschen in der Bibel der Fall. Denn wir wissen: Die Bibel beschönigt nichts. Sie beschönigt auch ihre Glaubenshelden nicht, sondern berichtet ganz offen und ehrlich von ihren Problemen und ihrem Versagen. Das haben wir in den letzten Wochen schon bei Jona, Gideon und Naaman gesehen.

Bei Daniel ist das anders. Das bedeutet natürlich nicht, dass er sündlos gewesen wäre. Auch Daniel war ein Mensch, der Gottes Gnade brauchte. Aber die Schrift stellt ihn uns tatsächlich als einen außergewöhnlich treuen Mann vor – und genau diese Treue wird jetzt auf die Probe gestellt.

Was würde man bei dir finden?

Und damit stellt dieser Text auch uns eine unangenehme Frage. Stell dir vor, jemand wollte dich unbedingt zu Fall bringen und würde deshalb dein Leben gründlich untersuchen. Deine Arbeit. Deinen Umgang mit Geld. Deine Beziehungen. Deine Worte. Deine Chatnachrichten. Deinen Computer.

Was würde man finden? Wie wäre es, wenn jemand am Ende sagen müsste: „Ich habe wirklich gesucht, aber ich finde nichts, was ich gegen ihn verwenden kann“?

Dabei geht es nicht darum, dass ein Christ sündlos sein sollte. Wenn unser ganzes Leben offengelegt würde, hätte keiner von uns Grund, sich selbst zu rühmen. Wir alle brauchen Gottes Vergebung und Gnade. Die entscheidende Frage ist vielmehr: Gibt es in meinem Leben Bereiche, in denen ich bewusst ein Doppelleben führe? Bin ich nur dann treu, wenn andere mich sehen? Oder zeigt sich meine Treue zu Gott auch dort, wo niemand hinschaut?

Eine Falle gegen Daniel

Wir lesen weiter in den Versen 6 bis 10:

Da sprachen jene Männer: Wir werden gegen diesen Daniel keinen Anklagegrund finden, es sei denn im Gesetz seines Gottes! 7 Darauf bestürmten jene Fürsten und Satrapen den König und sprachen: König Darius, mögest du ewig leben! 8 Sämtliche Minister des Königreichs, die Vorsteher und Satrapen, die Räte und die Statthalter erachten es für ratsam, dass eine königliche Verordnung aufgestellt und ein Verbot erlassen werde, wonach jeder, der innerhalb von 30 Tagen irgendeine Bitte an irgendeinen Gott oder Menschen richtet, außer an dich allein, o König, in die Löwengrube geworfen werden soll. 9 Nun, o König, erlasse das Gebot und unterschreibe das Edikt, das nicht abgeändert werden darf nach dem Gesetz der Meder und Perser, welches unwiderruflich ist! 10 Daraufhin unterschrieb der König das Edikt und Verbot.

Hier sehen wir die politische Intrige, die gegen Daniel aufgestellt wird. Seine Feinde haben erkannt: Die einzige Möglichkeit, Daniel loszuwerden, besteht darin, ihm eine Falle zu stellen.

Dabei machen sie sich auch den Stolz des Königs zunutze und nehmen es nicht so genau mit der Wahrheit. Sie stellen es so dar, als seien sich sämtliche führenden Beamten des Reiches einig. Dabei wissen wir: Daniel selbst gehört zu diesen hohen Beamten, und er war ganz offensichtlich nicht an diesem Vorschlag beteiligt.

Ihr Plan ist geschickt. Für 30 Tage soll niemand eine Bitte an irgendeinen Gott oder Menschen richten dürfen außer an den König selbst. Wer dagegen verstößt, soll in die Löwengrube geworfen werden.

Darius lässt sich auf den Vorschlag ein und unterschreibt das Edikt. Damit ist die Falle zugeschnappt. Denn nach dem Gesetz der Meder und Perser kann dieser Erlass nicht einfach wieder aufgehoben werden.

Das wird später noch wichtig werden: Darius wird Daniel retten wollen – aber er wird feststellen, dass selbst er als König dazu nicht in der Lage ist.

Daniel ändert nichts

Nun ist das Gesetz in Kraft. Daniel erfährt davon. Und jetzt stellt sich die entscheidende Frage: Was wird er tun?

Wird er seinen Glauben für 30 Tage verstecken? Wird er sagen: „Ich kann doch auch heimlich beten, sodass niemand etwas davon mitbekommt“?

Oder geht er in das andere Extrem? Macht er aus seinem Gebet plötzlich eine öffentliche Protestaktion und demonstriert vor dem Regierungsgebäude?

Daniel tut weder das eine noch das andere. Wir lesen:

Als nun Daniel erfuhr, dass das Edikt unterschrieben war, ging er hinauf in sein Haus, wo er in seinem Obergemach offene Fenster nach Jerusalem hin hatte, und er fiel dreimal am Tag auf die Knie nieder und betete und dankte vor seinem Gott, ganz wie er es zuvor immer getan hatte. (Daniel 6,11)

Entscheidend sind die letzten Worte: „wie er es zuvor immer getan hat.“

Das Gesetz des Königs ist neu. Daniels Antwort darauf ist es nicht. Er tut einfach weiter das, was er schon vorher getan hat: Er betet zu seinem Gott. Und genau darin zeigt sich seine Treue.

Treue beginnt vor der Krise

Das ist ein wichtiger Gedanke: Daniel wurde nicht erst in dem Moment zu einem treuen Mann, als das Gebetsverbot unterschrieben wurde.

Schon als junger Mann begegnet uns bei ihm dieselbe Entschlossenheit:

Daniel aber nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht mit der feinen Speise des Königs und mit dem Wein, den er trank, zu verunreinigen … (Daniel 1,8)

In jungen Jahren hatte Daniel sich bereits vorgenommen, Gott treu zu bleiben. Jetzt sind viele Jahrzehnte vergangen. Daniels Lebensumstände haben sich immer wieder verändert – aber seine Treue zu Gott ist geblieben.

Und gerade wenn du noch jung bist, liegt darin eine wichtige Lektion: Viele der entscheidenden geistlichen Entscheidungen werden in jungen Jahren gefällt. Was du heute in deinem Herzen festmachst und welche Gewohnheiten du heute entwickelst, kann den Kurs deines Lebens über Jahrzehnte prägen.

Wir wissen nicht, welche Glaubensprüfungen in unserem Leben noch kommen werden. Aber wir können heute lernen, dem Gott zu vertrauen, dem wir auch morgen treu bleiben wollen.

Daniels Treue kostet ihn alles – V. 11–18

Wir lesen weiter in Vers 12:

Da stürmten jene Männer hinein und fanden Daniel bittend und flehend vor seinem Gott. (Daniel 6,12)

Daniels Gegner wissen offenbar genau, wo sie ihn finden werden. Sie gehen zu seinem Haus – und tatsächlich finden sie Daniel im Gebet vor seinem Gott. Das ist bemerkenswert: Ihr ganzer Plan funktioniert nur deshalb, weil sie sich darauf verlassen können, dass Daniel seinem Gott treu bleiben wird. Was für ein Zeugnis über sein Leben!

Sie bringen die Sache vor den König. Und jetzt erkennt Darius, in welche Falle er geraten ist:

Als der König das hörte, wurde er sehr betrübt, und er sann darüber nach, wie er Daniel retten könnte, und gab sich bis zum Sonnenuntergang Mühe, ihn zu befreien. (Daniel 6,15)

Darius will Daniel retten. Er versucht offenbar alles, was in seiner Macht steht. Aber am Ende muss dieser mächtige König feststellen: Ich kann Daniel nicht retten.

„Dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst“

Bevor Daniel in die Grube geworfen wird, ruft der König ihm noch einen bemerkenswerten Satz zu:

Dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, der rette dich. (Daniel 6,17)

Diese Aussage des Königs lässt tief blicken. Zwei wichtige Dinge können wir daran sehen.

Einerseits sehen wir das Vertrauen, das Darius hier in Gott setzt. Im Grunde sagt er: Ich bin machtlos. Ich habe alles versucht, um Daniel zu retten, aber ich kann ihn nicht retten.

Dass der König dieses Vertrauen in Gott setzt, kommt nicht von ungefähr. Er hatte an Daniel etwas gesehen. Er hatte gesehen, dass Daniel seinem Gott ohne Unterlass dient.

Genau das sagt er: „dem du ohne Unterlass dienst.“

Das ist ein wunderschönes Zeugnis über Daniel, über die Art, wie er sein Leben führt und seinen Glauben lebt.

Dabei hatte Daniel noch nicht einmal ein religiöses Amt wie ein Prediger oder Priester. Er war ein hoher Regierungsbeamter. Und trotzdem war für die Menschen um ihn herum offensichtlich, wem er diente.

Das stellt auch uns eine Frage: Wenn Menschen längere Zeit mit dir zusammen sind – wissen sie irgendwann, wem du gehörst?

Lebe deinen Glauben sichtbar

Egal, wozu Gott dich berufen hat, welchen Beruf du ausübst oder welche Aufgabe du gerade hast: Du kannst in deinem Alltag zeigen, dass du Gott dienst – zu Hause, an der Universität, am Arbeitsplatz oder in deiner Familie. Wissen deine Kommilitonen, deine Arbeitskollegen und deine Freunde, dass du Jesus nachfolgst?

Daniel machte aus seinem Glauben kein Geheimnis. Aber er stellte ihn auch nicht zur Schau. Er lebte ihn einfach – beständig, sichtbar und treu. Sein Glaube zeigte sich nicht nur in dem, was er sagte, sondern vor allem darin, wie er lebte.

Lebe deinen Glauben so, dass die Menschen, die dich kennen, irgendwann sagen können: „Ich weiß, wem dieser Mensch dient.“

Daniel in der Löwengrube

Wir lesen den nächsten Vers, Vers 18:

„Und man brachte einen Stein und legte ihn auf die Öffnung der Grube, und der König versah ihn mit seinem Siegel und mit dem Siegel seiner Gewaltigen, damit in der Sache Daniels nichts geändert werde.“

Jetzt scheint Daniels Schicksal endgültig besiegelt zu sein. Der Stein liegt auf der Öffnung. Die Siegel sind angebracht. Von menschlicher Seite kann niemand mehr etwas für Daniel tun. Menschlich gesehen ist die Sache erledigt.

Interessanterweise wird im kompletten Kapitel 6 nicht erwähnt, was Daniel empfindet. Hatte er Angst? War er völlig ruhig? Wir wissen es nicht. Und vielleicht ist gerade das wichtig. Denn Glaube bedeutet nicht, dass man niemals Angst hat. Treue bedeutet nicht, dass man in jeder schwierigen Situation vollkommen ruhig bleibt.

Entscheidend ist etwas anderes: Was immer Daniel empfand – seine Gefühle bestimmten nicht seine Treue zu Gott.

Daniels Gott erweist sich als treu und souverän

Daniel weiß, wer darüber entscheidet, wie alles ausgeht. Es sind nicht die Krallen und Zähne der Löwen, die diese Sache entscheiden. Gott hat das letzte Wort.

Das ist eine Wahrheit, die wir auch in unser Leben mitnehmen dürfen.

Diesen Gedanken können wir auch in unser Leben mitnehmen. Vielleicht stehen Herausforderungen oder Probleme vor dir. Aber eigentlich sind es nicht diese Probleme, die entscheiden werden, was in deinem Leben geschieht. Gott ist derjenige, der alles lenkt und entscheidet.

Vielleicht stehen vor dir keine hungrigen Löwen. Aber vielleicht gibt es Situationen, die dir Angst machen. Vielleicht weißt du nicht, wie es nach dem Studium weitergeht. Vielleicht gibt es Probleme in deiner Familie, Schwierigkeiten im Glauben oder Entscheidungen, bei denen du nicht weißt, was auf dich zukommt.

Daniel 6 verspricht uns nicht, dass Gott jedes Problem so beseitigen wird, wie er hier die Löwen unschädlich macht. Aber dieser Text erinnert uns daran: Unsere Schwierigkeiten haben nicht das letzte Wort. Gott hat es.

Keine Situation ist seiner Herrschaft entglitten. Kein menschliches Gesetz kann seine Macht begrenzen. Deshalb können wir ihm vertrauen – auch dann, wenn wir noch nicht wissen, wie die Geschichte ausgehen wird.

Nächte in der Löwengrube

Auch uns als Christen wird Gott in Situationen führen, in denen unser Vertrauen auf ihn geprüft wird. Und manchmal wird Treue zu Gott tatsächlich etwas kosten.

Es scheint, als müsse jeder Christ irgendwann einmal eine Nacht oder zwei in der Löwengrube verbringen. Und dafür gibt es tatsächlich einen guten Grund: Denn es gibt kaum einen besseren Ort, um zu lernen, Gott zu vertrauen, als die Löwengrube.

Von Satan lesen wir im Neuen Testament:

Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann (1. Petrus 5,8)

Die Bibel verspricht uns nicht, dass Gott uns vor jeder schweren Situation bewahrt. Aber sie zeigt uns immer wieder, dass Gott auch schwere Zeiten gebrauchen kann, um unseren Glauben zu prüfen und unser Vertrauen auf ihn zu vertiefen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur: „Wird Gott mich aus dieser Situation herausholen?“

Die entscheidende Frage lautet: „Werde ich meinem Gott auch in dieser Situation vertrauen?“

Der König kann nicht schlafen

Während Daniel die Nacht in der Löwengrube verbringt, geschieht im Palast etwas Interessantes:

Dann zog sich der König in seinen Palast zurück, und er verbrachte die Nacht fastend und ließ keine Frauen zu sich führen, und der Schlaf floh von ihm. (Daniel 6,19)

Der König fastet, verzichtet auf Unterhaltung und kann die ganze Nacht nicht schlafen. Es ist fast so, als wären die Rollen von Daniel und dem König vertauscht. Am nächsten Morgen steht Darius sehr früh auf und eilt zur Löwengrube. Und dann geschieht das, womit eigentlich niemand mehr rechnen konnte: Daniel lebt:

Mein Gott hat seinen Engel gesandt und den Rachen der Löwen verschlossen, dass sie mir kein Leid zufügten, weil vor ihm meine Unschuld offenbar war und ich auch dir gegenüber, o König, nichts Böses verübt habe! (Daniel 6,23)

Wir sehen hier: Gott hatte Daniel nicht verlassen. Er sandte seinen Engel und verschloss den Rachen der Löwen. Garantiert hat er noch mehr getan, denn die Löwen hätten ihn auch mit ihren Krallen töten können.

Das erinnert an Jesaja 11 und die Verheißung auf das tausendjährige Friedensreich, in dem Raubtiere friedlich mit anderen Tieren leben. Vielleicht durfte Daniel schon einmal einen kleinen Vorgeschmack davon bekommen.

Daniel vertraute seinem Gott

Im nächsten Vers finden wir eine Verbindung zu Hebräer 11:

Da wurde der König sehr froh und befahl, Daniel aus der Grube heraufzuziehen. Als man aber Daniel aus der Grube heraufgebracht hatte, fand sich keine Verletzung an ihm; denn er hatte seinem Gott vertraut. (Daniel 6,24)

Warum wurde Daniel verschont? Er hat seinem Gott vertraut.

Genau darauf blickt später auch Hebräer 11 zurück. Dort lesen wir von Glaubenshelden, die durch Glauben „der Löwen Rachen verstopften“.

Aber an dieser Stelle müssen wir gut aufpassen, dass wir daraus nicht den falschen Schluss ziehen.

Daniel 6 verspricht uns nicht: Wenn du nur genug Glauben hast, wird Gott dich aus jeder Gefahr retten. Wenn dein Glaube nur stark genug ist, wirst du jede Krankheit überleben, jedes Problem überwinden und jede Löwengrube unversehrt verlassen.

Denn derselbe Hebräerbrief, der von Menschen berichtet, die durch Glauben den Rachen der Löwen verschlossen haben, berichtet nur wenige Verse später von anderen Glaubenshelden, die gefoltert und getötet wurden. Sie hatten nicht weniger Glauben.

  • Die einen vertrauten Gott – und wurden aus der Gefahr gerettet.
  • Die anderen vertrauten Gott – und blieben ihm bis in den Tod treu.

Das ist wichtig: Glaube vertraut nicht auf einen bestimmten Ausgang. Glaube vertraut auf Gott.

Wir wissen nicht immer, ob Gott uns aus einer schwierigen Situation herausretten wird. Aber wir dürfen wissen, dass er auch mitten in dieser Situation Gott bleibt.

Daniel vertraute seinem Gott. Und in dieser Nacht entschied Gott in seiner Souveränität, seinen Diener auf wunderbare Weise aus der Löwengrube zu retten.

Es gibt dazu ein lustiges Zitat von Charles Spurgeon:

„Es war wohl gut, dass die Löwen den alten Daniel nicht gefressen haben. Er wäre ihnen bestimmt im Halse stecken geblieben. Denn Daniel bestand zur Hälfte aus Entschlossenheit und zur anderen Hälfte aus Rückgrat.“

Das Gericht über Daniels Ankläger

In Vers 25 kommen wir langsam zum Ende:

„Da befahl der König, jene Männer herbeizuholen, die Daniel verleumdet hatten. Und man warf sie in die Löwengrube, sie, ihre Kinder und Frauen; und ehe sie noch den Boden der Grube berührten, waren die Löwen schon über sie hergefallen und zermalmten ihnen alle Gebeine.“

Das ist eine Stelle, an der Blut fließt und bei der man die Zeilen zunächst geschockt liest. Dabei müssen wir etwas unterscheiden: Gott hat Darius nicht befholen, die Familien dieser Männer zu töten. König Darius war ein grausamer Herrscher der damaligen Zeit, so wie viele Könige damals. Schon im ersten Vers haben wir gelesen, wie dieser Regierungswechsel vonstattenging.

Gleichzeitig macht dieser schreckliche Vers eines unmissverständlich deutlich: Die Löwen waren nicht zahm. Daniel hatte die Nacht nicht überlebt, weil die Tiere ungefährlich oder zufällig satt gewesen wären.

Daniel lebt, weil Gott eingegriffen hat.

Das Glaubensbekenntnis des Königs

Das Schöne am Ende von Daniel 6 ist, dass wir noch ein Glaubensbekenntnis dieses Königs lesen dürfen. Durch Daniels Leben und durch sein Zeugnis kommt ein weiterer heidnischer Herrscher zum Glauben an den wahren Gott.

Wir lesen die Verse 26 bis 28:

Darauf schrieb der König Darius an alle Völker, Stämme und Sprachen, die im ganzen Land wohnten: »Euer Friede nehme zu! 27 Es ist von mir ein Befehl erlassen worden, dass man sich im ganzen Bereich meiner Herrschaft vor dem Gott Daniels fürchten und scheuen soll; denn er ist der lebendige Gott, welcher in Ewigkeit bleibt, und sein Königreich wird nie zugrunde gehen, und seine Herrschaft hat kein Ende. 28 Er errettet und befreit, er tut Zeichen und Wunder am Himmel und auf Erden; er hat Daniel aus der Gewalt der Löwen errettet!« (Daniel 6,26-28)

Was für ein Bekenntnis aus dem Mund eines heidnischen Königs!

  • Darius nennt Daniels Gott den lebendigen Gott.
  • Er sagt, dass dieser Gott ewig bleibt.
  • Er sagt, dass sein Königreich niemals zugrunde gehen wird.
  • Er sagt, dass seine Herrschaft kein Ende hat.
  • Und er bekennt: Dieser Gott errettet und befreit.

Darius konnte Daniel nicht retten. Aber Daniels Gott konnte es.

Daniel und Jesus

Am Ende von Daniel Kapitel 6 möchte ich Daniel noch mit Jesus vergleichen. Dabei lohnt es sich, die Geschichte von Daniel in der Löwengrube noch einmal zu reflektieren und die Ähnlichkeiten zu Jesus zu entdecken.

Wir haben einen Mann gesehen, an dem keine Schuld zu finden war und der Gott in allem treu geblieben ist. Darin sehen wir bereits Ähnlichkeiten zwischen Daniel und Jesus.

Daniel war als Mann des Gebets bekannt. Wegen der Eifersucht derer, die verhindern wollten, dass er erhöht wird, sollte er sterben. Durch die Intrigen seiner Feinde wurde er zum Tode verurteilt.

Man brachte ihn in eine steinerne Grube, die zu seinem Grab werden sollte. Ein Stein wurde auf die Öffnung gewälzt und versiegelt. Doch trotz aller Macht und Grausamkeit des Todes konnte dieser ihm nichts anhaben. Am Morgen wurde der Stein weggewälzt, und Daniel kam lebend daraus hervor.

Dadurch wurde Gott verherrlicht. Heiden geben Gott die Ehre, und seine Feinde wurden gerichtet.

Das sind erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen dieser Geschichte und Jesus. Gleichzeitig sehen wir in diesem Vergleich auch einige Unterschiede.

Jesus besiegt den Tod

Jesus ist wirklich gestorben, aber wieder auferstanden. Er kam siegreich hervor, weil der Tod ihn nicht festhalten konnte. Jesus stand natürlich einem noch viel schlimmeren Feind gegenüber als Löwen.

Bei Daniel wurde keine Schuld gefunden, obwohl seine Gegner danach gesucht hatten. Aber Daniel war trotzdem ein sündiger Mensch wie wir. Bei Jesus war es anders. Jesus war wirklich ohne Sünde und er hatte keinerlei Schuld.

Auch die steinerne Grube, der Stein auf der Grube und der versiegelte Stein sind erstaunliche Ähnlichkeiten.

Daniel wurde von Gott vor dem Tod bewahrt. Jesus dagegen ging in den Tod hinein.

Daniel überlebte die Löwengrube. Jesus starb wirklich am Kreuz. Aber am dritten Tag stand Jesus von den Toten auf. Der Tod konnte ihn nicht festhalten.

Und genau hier ist Jesus unendlich größer als Daniel:

Daniel wurde aus einer Todesgefahr gerettet. Jesus hat den Tod selbst besiegt.

Daniel brauchte wie jeder andere Mensch Gottes Gnade. Jesus ist der sündlose Sohn Gottes, der sein Leben für schuldige Menschen gegeben hat.

Und deshalb besteht die Botschaft dieser Geschichte am Ende nicht einfach darin: „Sei so treu wie Daniel.“ Denn wenn unsere Hoffnung davon abhinge, dass wir immer so treu sind wie Daniel, dann hätten wir ein Problem. Unsere Hoffnung liegt in einem anderen:

Sie liegt in Jesus Christus – dem vollkommen treuen Sohn Gottes. Er war Gott dort treu, wo wir untreu gewesen sind. Er trug am Kreuz die Schuld von Sündern. Er starb, wurde begraben und ist auferstanden. Und deshalb können wir heute Gott vertrauen. Nicht weil wir wissen, dass er jede Löwengrube aus unserem Leben entfernen wird. Sondern weil wir wissen, dass selbst der Tod für den, der zu Christus gehört, nicht das letzte Wort hat.

Daniel 6 zeigt uns einen Mann, dessen Glaube treu bleibt. Aber noch wichtiger zeigt uns die ganze Bibel einen Gott, dem wir treu bleiben können. Und in Jesus sehen wir endgültig, wie weit dieser Gott gegangen ist, um Sünder zu retten.

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